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Zwei kurze Wochen

November in Bolivien, Peru

Am Ziel - fast - Waren- und Geldmärkte - Raus aus Amerika - Reibungsloser Bustransfer - Na ja, fast reibungslos - Es dürfte gelacht werden - USA? No Problem, Man.

albano, Inchon (Südkorea) im Januar 2000

hoch Am Ziel - fast

Die Beziehungen zwischen Peru und seinen Nachbarn verbessern sich langsam. Zusammenarbeit und Verkehrswege werden ausgebaut. Desaguadero ist die grösste der wenigen Grenzstationen nach Bolivien. Die ersten paar Kilometer der fast flachen Strasse nach La Paz werden gerade noch im grossen Stil umgewälzt, der Rest ist schon asphaltiert - angenehmes Vorwärtskommen.

Am Dienstag, 2. November pedale ich auf El Alto zu. Linkerhand brauen sich schwarze Wolken zusammen. Ein steifer, eisiger Seitenwind und eine Mischung aus kaltem Regen und Schnee machen meine Hände klamm. Ich habe die Botschaft begriffen: Nicht die Korken knallen lassen, bevor das Ziel tatsächlich erreicht ist. Doch als ich ins besiedelte Gebiet komme, wird es etwas wärmer. Nach einigen Kilometern bricht die Ebene plötzlich ab. Ich stehe vor dem Abgrund. Die Hauptstadt liegt in einem tiefen Talkessel. Ich erwische für die Abfahrt wieder einmal die Autobahn und rolle auf dem Pannenstreifen hinunter. Ich habe schon bessere gesehen.

hoch Waren- und Geldmärkte

Im Hotel liegen hebräische Telefongespräche in der Luft, und am Anschlagbrett stosse ich auf hebräische Schriftzeichen. Hier sammeln sich die israelischen Reisenden. In den Strassen der Umgebung wird emsig gehandelt. An unzähligen Marktständen gibt es fast alles, was das Herz begehrt zu für Europäer mehr als fairen und, wie hier so üblich, erst noch verhandelbaren Preisen. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, die gesuchte Ware im Gewühl zu finden, eine zeitraubende Aufgabe. Eine gewisse Ordnung ist dennoch erkennbar: eine Strasse mit Früchten und Gemüsen, eine Gasse mit Elektroartikeln, ein Hof mit Schuhen, eine Halle mit Spielzeug.

Ich brauche zuerst einmal Geld, denn ich bin noch nicht mit Bolivianos ausgestattet. Heute ist Feiertag, Tag des Todes. Folglich stellen sich auch die Banken tot. Die Wechselbüros sind ebenfalls geschlossen, und all meine Versuche, an einem der unzähligen Geldautomaten im Zentrum zu Noten zu kommen, scheitern. Dann ärgere ich mich mit den Geldwechslerinnen an der Strassenecke herum. Die Geldinstitute würden im Moment einen US-Dollar für 5,96 Bolivianos ankaufen. Auf der Strasse gibt es dafür 5,92. Die Dame erhöht sogar auf 5,93 für mich, ein vernünftiger Kurs. Für meine Zwanzigernote will sie aber dann nur 115 Bolivianos herausrücken, allenfalls 116. Nein danke, auf einen so gewundenen Handel gehe ich nicht ein, auch wenn ich dringend Bares benötige.

hoch Raus aus Amerika

Aber so dringend nun auch wieder nicht, denn die Plastikkarten dienen ja nicht nur zum Geldbezug an der Maschine. Also kaufe ich mir auf Kredit eine riesige Pizza, um den gröbsten Hunger zu stillen. Danach erhalte ich auch die Landeswährung in einem Restaurant zu einem anständigen Kurs, und am folgenden Tag öffnen sogar die Banken wieder ihre Türen - und auch die Reisebüros. Fazit: Die Flüge nach Australien und Asien sind in Bolivien etwa gleich teuer wie in Peru. Unter 1'000 US-Dollars läuft praktisch nichts. Unterdessen steht bereits fest, dass ich mit dem Bus nach Lima zurückfahre. Ich muss noch jemanden besuchen - in Huancayo. Also beschliesse ich, den Flug in Peru zu buchen, und zwar einen Flug nach Japan.

Nach über einem Jahr auf Achse finde ich doch tatsächlich immer noch Ausrüstungsgegenstände, die ich die ganze Zeit mit mir herumschleppe, aber kaum brauche. Zusammen mit anderen Dingen, welche sich in den letzten Monaten angesammelt haben, ergibt das ein stattliches Paket. Im Hotel findet man für mich eine Kartonschachtel, die schon den Weg von Israel hierhin gefunden hat. Und bald wird sie noch die Schweiz kennenlernen. Auf dem Postamt kümmert sich zuerst der Drogen-Schnüffelhund um den Inhalt meiner Sendung. Dann wird die Schachtel fachfrauisch verschnürt. Weiter geht es zum Zoll, der den Formularen die erforderlichen Stempel ohne zu zögern aufdrückt, und schliesslich übernimmt die Post die Ware. Gute Reise.

hoch Reibungsloser Bustransfer

Samstag. Heute beginnt die lange Busfahrt. Der Personentarif ist ziemlich klar, aber der Verhandlungsspielraum beim Fahrrad ist gross. Ganz unverschämte Transporteure wollen für die Beförderung der paar Rohre und Speichen gleich nochmals soviel einstreichen wie für meinen Sitzplatz. In anderen Fällen wird mein Fahrzeug ohne Murren und ohne zusätzliche Begehrlichkeiten wie normales Gepäck im Bauch oder auf dem Dach des Busses verladen.

An der Grenze läuft alles wie geschmiert, obwohl die Marktfrau auf der bolivianischen Seite ziemlich lange braucht, um zu begriefen, dass ich unüblicherweise für meine restlichen Münzen gerne eine Note hätte, um sie einfacher in Soles tauschen zu können. Der Geldwechsler in Peru bezahlt mich sogar auf den Centimo genau. Zufrieden setze ich mich in den Bus nach Puno. Aber irgend etwas muss scheinbar doch schief laufen. Ich lasse meinen warmen, flauschigen Pullover, ohne den ich nicht auszukommen glaubte, im Wagen liegen. Verdammt! Langsam muss ich mich wohl nach neuer Oberbekleidung umschauen.

hoch Na ja, fast reibungslos

Auch die folgende Nachtfahrt nach Arequipa wird echt mühsam. Das Schütteln des Busses, der eigentlich schon lange auseinanderfallen sollte, ist noch auszuhalten, aber ein anderes Unheil naht schleichend: Die Harnblase ist voll und lässt mich nicht einschlafen. Eine Toilette haben wir natürlich nicht dabei, und so bin ich heilfroh, dass der Fahrer nach Mitternacht für einige Minuten anhält, um unter die Motorhaube zu schauen.

Der nächste Bus fährt bis Lima. Beim Einladen will der Chauffeur schon wieder kräftig zusätzlich abkassieren. So sei der Tarif, sagt er, ein Tarif, der aber nirgendwo schwarz auf weiss festgehalten ist, und schliesslich auch seinen Höhenflug beendet. Den ganzen Tag Wüste; wir kommen spät an. In den Strassen der Hauptstadt hängen einige zweifelhafte Gestalten herum. Noch ein Tag in Lima und noch eine Nacht im Bus und endlich - wieder in Huancayo. Mein Schatz wartet an der Busstation auf mich. Wir fallen uns in die Arme.

hoch Es dürfte gelacht werden

So schnell können zwei Wochen vorübergehen. Ich habe uns keinen Spielraum gelassen, mein Flug ist gebucht. Am Dienstag, 23. November finden wir uns im Flughafen in Lima wieder. Gepäck aufgeben, warten. Eine Stunde vor Abflug schluckt mich die Abfertigungshalle. Ich muss Nicole zurücklassen. Ein letzter Blick, ein letztes schmerzverzerrtes Lächeln, und ich gehe schluchzend durch die Gänge.

Auch dem gutgemeinten Versuch der Flughafenbürokratie mich aufzuheitern, ist nicht viel Erfolg beschieden. Bei der Durchleuchtung meines Handgepäcks entdecken die Sicherheitsleute gleich zwei Waffen. Das Schweizer Taschenmesser darf ich behalten, doch mein Küchenmesser muss ich gegen ein Dokument eintauschen, gegen das ich am Ende des Fluges mein «Stich- bzw. Schneidegerät» wieder erhalten soll. Dass mir eine Flight Attendant meiner Maschine eben dieses Gerät noch bevor ich den Warteraum erreicht habe lachend zurückgibt, kann mich dann eben nur kurz aufheitern. Im Flugzeug fliessen wieder die Tränen. Eine andere Flugbegleiterin erkundigt sich besorgt nach meinem Befinden.

hoch USA? No Problem, Man.

Wir landen plangemäss im US-amerikanischen Atlanta. Vor dem Flughafengebäude darf ich in einen grossräumigen Minibus einsteigen, der mich ins nächstgelegene Sheraton bringt. Mein Anschlussflug verlässt den Kontinent erst am folgenden Tag. Übernachtung und Verpflegung sind im Flugpreis inbegriffen. Leider habe ich nicht genug Zeit, die beiden Betten und all die Einrichtungen zu benützen, die mir in meinem Zimmer zur Verfügung stehen. Auf meinem nächtlichen Spaziergang stelle ich fest, dass in den Vereinigten Staaten alles beim Alten ist: breite Strassen, grosse Parkplätze, alles fein säuberlich beschildert.

Am Mittwoch bin ich wieder in der Luft, und während wir gegen Westen fliegen und ein Video nach dem anderen über die Bildschirme flimmert, wird es irgendwann plötzlich Donnerstag. Nach gut vierzehn Stunden Flug taucht Japan unter uns auf. Als ich wieder auf festem Boden stehe und mich die Behörden offiziell im Land aufgenommen haben, setze ich sogleich das Fahrrad zusammen. Ich bin etwas überrascht, wie früh es hier dunkel wird. Ich sollte mir wohl überlegen, wo ich die Nacht verbringen könnte.

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© 18.1.2000 albano & team