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Mitten ins Herz

September, Oktober in Peru

Das ist kein Überfall - Eingeladen - ausgegraben - Grau und Grün - Nach dem Atomkrieg - Nachtarbeit - Uhr auf der Flucht - Tauschhandel - Dünne Luft und Zuckerguss - Amors Volltreffer - Dröhn - Lehren und lernen - Rauf und runter - Und rauf und runter - Tourismusblüte - Käfer im Darm - Invasion der alten Mauern

albano, Tokyo (Japan) im Dezember 1999

Peru - und plötzlich wird die Landschaft fast flach. Nur noch sanfte Wellen machen das Gelände aus. Am Sonntag, 5. September komme ich wieder einmal locker mehr als hundert Kilometer vorwärts. Ich streife Sullana. Die Schwärme von dreirädrigen Motorradtaxis stechen sofort ins Auge, und sie bestechen als Windschatten für den trainierten Radfahrer. Wirklich schade, dass die Gefährte nach zwei Häuserblöcken regelmässig wieder von der Hauptstrasse wegbiegen. Am Montag früh komme ich in Piura an und stelle fest, dass hier Internet und Restaurants genau so günstig sind wie in Ecuador.

hoch Das ist kein Überfall

Schon am folgenden Tag bin ich wieder auf Achse, und zwar in einer Gegend, von der ich nichts Gutes gehört und gelesen habe. Zwischen Piura und Chiclayo erstreckt sich, topfeben, die Sechura-Wüste, mittendurch, schnurgerade, die neue Panamericana. Radfahrer sollen diese Strecke auf keinen Fall alleine befahren, sagt mein dicker Südamerika-Führer, es seien Überfälle vorgekommen. Stimmt. Vor wenigen Wochen hat man hier Jonas, meinem USA-Partner, mit Waffengewalt einen Grossteil seines Hausrats abgenommen. Ich nehme die unübersehbaren Warnungen ernst und meide diesen Abschnitt. Stattdessen befahre ich die alte Hauptstrasse, welche am Rand des Sandbeckens durch einige Dörfer führt.

Ich habe Piura gerade hinter mir gelassen, und rund um mich herrscht ausgedehnte Einöde, da taucht am linken Strassenrand ein braungebrannter Mann auf, der mich nach der Uhrzeit fragt. Ich gebe sie ihm durch, finde aber die Begegnung nicht besonders originell, denn genau so hat der Überfall auf Jonas begonnen. Bald merke ich aber, dass meine Probleme hier ganz anders gelagert sein werden. Es gibt wieder einmal unglaublich viele dieser fiesen Dornen, welche sich durch die bestgegürtelten Reifen wie durch Butter zu bohren scheinen. Dies erklärt, warum ich meine ganze Ausrüstung ins Feld hinaus trage, als ich zum zweiten Mal in dieser Region mein Zelt aufschlage.

hoch Eingeladen - ausgegraben

Am Donnerstag darf ich in Olmos bei einem Maisgetränk feststellen, dass es auch hier gastfreundliche Leute gibt. Das Mädchen vom Getränkestand hat schon mehrmals Radfahrer zu sich nach Hause eingeladen. Ich bin heute erst gerade knapp zehn Kilometer vorwärts gekommen und lehne für einmal ein verlockendes Angebot ab. Dafür erreiche ich beim Eindunkeln Lambayeque, wo am folgenden Tag ein Museumsbesuch auf dem Programm steht. Im Brüning-Museum sind Fundgegenstände aus den archäologischen Stätten der Umgebung ausgestellt. Der wichtigste Teil der Auslagen zeigt die reichlichen Grabbeigaben des Señor de Sipan, eines wichtigen Würdenträgers in der Moche-Kultur, einige Jahrhunderte vor der Eroberung dieser Weltgegend durch die Spanier.

Nach dem Abstecher in die Geschichte folgt eine kurze Transferfahrt bis Chiclayo. Die Stadt hat weniger Einwohner als Piura, ihr Zentrum wirkt aber irgendwie urbaner, was wohl an der grossräumigen Plaza de Armas liegt. Den Rest des Tages verbringe ich damit, Bargeld zu beschaffen und mich auf dem weitläufigen Markt mit Lebensmitteln einzudecken. Als ich am Samstag weiterfahre, geht die Reifenflickerei schon wieder los. Ich habe die Stadt noch kaum verlassen, da muss ich schon bei einer Tankstelle eine Reparatur-Zwangspause einlegen.

hoch Grau und Grün

Die Landschaft ist hier dual aufgebaut. Entweder hat der Mensch grossräumige Bewässerungssysteme angelegt. In diesem Fall spriesst das Grün. Andernfalls herrscht graue bis braune Verlassenheit - Sand soweit das Auge reicht, dazwischen das eine oder andere zähe Pflänzchen. Die Nacht auf den Sonntag verbringe ich im Hafenstädtchen Pacasmayo, jene auf den Montag in einer Wägstation einige Kilometer vor Trujillo. Die Anlage ist noch nicht in Betrieb, und die beiden Wachmänner teilen freundlicherweise die leeren Büroräume mit mir. Den folgenden Tag bleibe ich in Trujillo mit seinem freundlichen, blitzblank gebohnerten Zentrumsplatz, der eine Kleinstadtatmosphäre versprüht. Man würde kaum vermuten, dass hier fast eine Million Menschen wohnen.

Die nächsten paar hundert Kilometer bis Lima ändert die Landschaft kaum: Sandwüste, hie und da einige grüne Meilen oder ein Restaurant. Auch interessante Begegnungen sind rar. Einzig eine Gruppe junger Männer, die von Lima aus bis an die nördliche Landesgrenze pilgern, ist unter diesem Titel erwähnenswert. Die meisten Nächte verbringe ich im Zelt in den Dünen. Und die karge Umgebung erfährt noch eine unerwartete Steigerung.

hoch Nach dem Atomkrieg

Als ich am Samstag Nachmittag Huacho verlasse wird die Hauptstrasse vierspurig und führt schnurgerade über die sandigen Wogen. Ein stickiger Nebelschleier hüllt, wie üblich, die Umgebung ein. Der steife, kalte Südwind bläst mir von der Küste her ins Gesicht. Ab und zu braust ein Lastwagen an mir vorbei. Es fällt leicht, sich auf den Fahrzeugen schwere Geschütze gegen die Wegelagerer vorzustellen, welche nach dem Atomkrieg die Strassen unsicher machen. Am Sonntag befinde ich mich dann für eine Weile ausschliesslich im Schwerverkehr. Die alte, zweispurige Küstenstrasse, die sich für einige Kilometer den Felsklippen entlangwindet, ist Gesellschafts- und Lastwagen vorbehalten. Die neue Umfahrungsstrasse steigt ziemlich stark an, und der Polizist, der den Eingang zum Küstenabschnitt kontrolliert, lässt sich überzeugen, dass mein Gefährt auch in die Kategorie Schwerverkehr gehört.

Ich nähere mich der Millionenstadt vorsichtig. Nach einer Nacht in Puente Piedra stosse ich durch haarsträubend dichten Verkehr ins historische Stadtzentrum vor. Dort finde ich enge Gassen, aber auch breite Strassen und ausgedehnte Grünflächen. Auch mit alten Gebäuden und Fussgängerzonen wartet die Stadt auf. Und auch hier sind die Kontraste unübersehbar: schäbige Hüttensiedlungen nur wenige hundert Meter neben prunkvollen Häusern und Plätzen. Die mondänen Strandquartiere Miraflores und San Isidro, die sich noch viel krasser abheben würden, besuche ich gar nicht erst.

hoch Nachtarbeit

Die unterschiedliche Wirtschaftskraft der sozialen Schichten manifestiert sich auch hier wieder in den Preisen, zum Beispiel der Verpflegung. Nahe den Busstationen ist das komplette Mittagessen für weniger als einen halben Euro zu haben. In der Flanierzone läuft in dieser Hinsicht nichts unter dem Sechsfachen. Während den paar Ruhetagen, die ich einlege, nütze ich die auch hier günstigen Computer-Mietpreise, um endlich eine Weltkarte meiner Reise anzufertigen. Dass man sich die ganze Nacht hindurch die Zeit am Internet vertreiben kann, kommt mir auch gelegen. Zudem beginne ich langsam ein Auge auf die Kosten für Flüge nach Australien und Asien zu werfen. Der geplante Tapetenwechsel wird nicht billig werden.

Am Sonntag, 25. September sitze ich wieder auf dem Drahtesel, diesmal quer zu den Anden. Meine Suche nach der Carretera Central, die aus Lima hinaus Richtung Gebirge führt zeitigt zunächst keinen Erfolg. Statt auf der Ausfallstrasse lande ich mitten im berüchtigten Quartier La Victoria. Von den vielen Leuten, die sich hier in den Strassen tummeln, sollte mir eigentlich jemand den Weg zeigen können, denke ich mir. Ich halte also an, doch der angesprochene Taxifahrer zeigt sich begriffsstutzig, und ich habe das Gefühl, dass dies weder an meinen Spanisch- noch an seinen Ortskenntnissen liegt.

hoch Uhr auf der Flucht

Jemand anderes reagiert einiges flexibler auf meine Ankunft, allerdings nicht, um mir zu helfen, denn ehe ich mich's versehe ist meine Armbanduhr vom Handgelenk weggerissen und ihr neuer Besitzer sucht damit das Weite. Ich beschliesse blitzschnell, dem Taxifahrer noch eine Chance zu geben, lasse mein Fahrrad zurück und renne hinter dem jungen Mann mit meinem Eigentum her. Der sieht seinen Vorsprung schwinden, spielt das heisse Eisen einem Komplizen zu, und jener, mit dem gleichen Problem konfrontiert, wirft das Gerät schliesslich auf die Strasse. Würde ich nach der kurzen Vorstellung einen kleinen Rundgang mit aufgehaltenem Hut machen, könnte ich mir bestimmt noch einen kleinen Zustupf für die Reisekasse verdienen. Da ich aber möglichst schnell zum Zweirad zurück will, gebe ich mich mit den aufmunternden Zurufen der Zuschauer zufrieden. Mein Fahrrad ist unangetastet, doch ich bin nicht ganz sicher, ob ich dies der Ehrlichkeit oder der Trägheit des Taxifahrers zu verdanken habe.

Irgendwie finde ich dann auch die richtige Strasse und fahre im leichten Aufstieg bis Chosica, wo ich etwas antreffe, was ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe: einen Zeltplatz. Um Abendessen und Frühstück muss ich mich wieder einmal nicht selbst kümmern. Die Kochmannschaft einer Schulklasse, die hier ein Wochenende verbringt, meint, es falle kaum auf, wenn ich mich aus ihren Kochtöpfen bediene. Angebot dankend angenommen. Andererseits dauert es dann am Morgen etwas länger als üblich, bis ich wieder im Sattel sitze, denn ich bin bestrebt, all den Fotowünschen, vor allem der Mädchen, nachzukommen. Heute steigt die Strasse etwas stärker an als gestern, und beim Eindunkeln komme ich in San Mateo an.

hoch Tauschhandel

Der Besitzer des Massenlagers glaubt zuerst nicht so recht daran, dass ich wirklich bei ihm übernachten will. Der Schlafsaal, einer von mehreren, fasst rund zwanzig Personen. Er ist etwa halb voll, als es am späten Abend an der Tür klopft. Ein hagerer Mann, ziemlich dick eingepackt und trotzdem schlotternd vor Kälte, bittet um Einlass - ein Gemüsehändler, der das Bergklima nicht gewohnt ist. Wir bieten ihm einen Stuhl an, und ich gebe ihm meinen Faserpelz zum aufwärmen. Ich bin etwas überrascht, als er mir kurze Zeit später überschwänglich dankend Handarbeiten aus Cusco überreicht. Er scheint meine Jacke nicht mehr ausziehen zu wollen und schläft sogar darin. Als ich frühmorgens erwache, liegt mein Kleidungsstück immer noch ein Bett neben mir. Beruhigt döse ich weiter. Etwa zwei Stunden später erst kehre ich aus dem Reich der Träume zurück. Nun ist das Zimmer fast leer. Mein Pelz ist ebenfalls verschwunden, und er kommt auch bei der Suchaktion im Städtchen und auf dem Markt nicht mehr zum Vorschein.

Ich krame meinen Pullover hervor und erledige die Englisch-Hausaufgaben der Kindergärtnerin von nebenan, bei der ich mein Gepäck deponieren durfte, bevor ich mich, wieder auf dem Rad, durch die folgende Schlucht, genannt kleine Hölle, hocharbeite. Kurz nach dem Dorfausgang kommt mir ein Wanderer mit wehnder Fahne entgegen. Der Peruaner überquert die Anden vom tropischen Tiefland bis an die Küste während einigen Tagen zu Fuss und dokumentiert seine Reise mit dem Fotoapparat.

hoch Dünne Luft und Zuckerguss

Ich bin noch keine zwanzig Kilometer gefahren, da setzt Nieselregen ein, welcher mit zunehmender Höhe immer kälter wird. Zum ersten Mal überhaupt auf meiner Reise ziehe ich zum Fahren die dicken Trekkingschuhe an. Auch der grosse Regenponcho kommt nach längerer Zeit wieder einmal zum Einsatz. Trotzdem schiebe ich das Rad, gegen die Kälte ankämpfend, die letzten paar hundert Meter bis Casapalca. In der Bergbausiedlung hat es zwei oder drei kleine Restaurants entlang der Hauptstrasse. Ich begebe mich gleich ins erste, an dem ich vorbeikomme. Es gibt hier weder Heizung noch Toilette, doch ich werde umso freundlicher empfangen.

Inzwischen weist die karge Landschaft erste weisse Verfärbungen auf, und ich bin froh, dass mich das Wirte-Ehepaar nicht ins Schneetreiben entlassen will. Ich erhalte eine Ecke des Essraums, der gleichzeitig als Schlafzimmer dient, und eine Matratze zugewiesen. Die ebenfalls angebotenen Decken brauche ich dank meinem warmen Schlafsack nicht. Im Gegenzug informiere ich die Leute nach bestem Wissen über Deutschland, denn sie prüfen im Moment gerade ein Angebot, dort zu arbeiten.

Ich bin hier bereits auf mehr als 4000 Meter über Meer, doch die Strasse steigt weiter an durch die mit weissem Pulver überzogene Felswüste. Langsam krieche ich hoch. Mein Körper bringt nicht die gewohnte Leistung. Ich halte einige Male an, um tief durchzuatmen und damit sich mein Puls etwas beruhigen kann. Am Mittag, drei Tage nach meiner Abfahrt von Lima, habe ich es endlich geschafft: Ich erreiche Ticlio, die Passhöhe auf fast 5000 Meter mit der Welt höchster Bahnstation, wie es heisst. Ich ziehe mir einige Schichten mehr über und begebe mich in die Abfahrt. Auch auf der anderen Seite des Übergangs wird Bergbau betrieben. Recht schnell komme ich in La Oroya an, auf etwa 3750 Meter, wo ich die nächste Nacht verbringe und so das leichte Kopfweh überschlafe, das die Höhe und die Anstrengung der letzten Tage hervorgerufen haben.

hoch Amors Volltreffer

Der Mittwoch bringt keine grossen Überraschungen. Nach fast flacher Fahrt durch das Mantaro-Tal fahre ich in Huancayo ein. Im Hotel will man zuerst fünfzehn Neue Soles pro Nacht. Als ich nach einem Raum ohne Bad frage, sinkt der Preis auf zehn. Das mir zugewiesene Zimmer hat trotzdem Dusche und WC (Spülung mit Plastikeimer, sofern fliessendes Wasser verfügbar), aber weist noch deutliche Spuren der letzten Benützer auf. Und wegen der vier Betten frage ich vorsichtshalber bei der Reception nach, ob ich auch bestimmt allein bleiben werde.

Ich bleibe zwar allein im Zimmer, aber nicht in Huancayo. Als ich am nächsten Tag durch die nicht allzu grosse und wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb so angenehme Stadt bummle und einige Besorgungen mache, lerne ich beim Optiker eine junge Frau kennen. Sie arbeitet bis spät im Geschäft, doch den Rest des Abends verbringen wir zusammen. Nach den paar gemeinsamen Stunden ändert sich mein Plan, den Ort am nächsten Tag wieder zu verlassen, denn ich bin so verliebt wie nie zuvor. Als ich am Sonntag, 3. Oktober nach schwierigem Abschied doch endlich weiterreise, weiss ich, dass sie es auch ist.

hoch Dröhn

Das Wetter verhält sich an diesem Tag typisch für Gegend und Jahreszeit: Auf Sonnenstrahlen folgt ein kräftiger Platzregen. Schon kurz nach Huancayo endet, wie erwartet, der Asphaltbelag. Am Abend bieten mir die Bewohner eines Dorfes den Eingang zu ihrem Schulhaus als Lagerpaltz für mein Zelt an. Dieses unter vielen neugierigen Blicken aufzustellen, bin ich mir inzwischen gewohnt. Ich bräuche mich mit der Abfahrt am Morgen nicht zu beeilen, sagt man mir. An diesem Montag sei sowieso schulfrei - wegen dem Autorennen.

Und siehe da: Kaum bin ich anderntags losgefahren, dröhnt es auch schon von hinten. Ich halte an und schwatzte eine Weile mit einem Zuschauer, der den weiten Weg von seinem Dorf an die Strasse zusammen mit seiner Frau unter die Füsse genommen hat. Ab und zu braust ein Wagen vorbei, doch bald wird die Sache langweilig, und ich fahre vorsichtig weiter, immer in den Aussenkurven. Manchmal muss ich auch anhalten. Die Bewohner der Siedlungen entlang des Weges sind vollzählig am Strassenrand versammelt. Sie fragen mich nach meiner Startnummer und machen andere Spässe. Das Spektakel geht vorüber, und es folgt eine lange und steile Abfahrt zurück ins Tal des Mantaro.

hoch Lehren und lernen

Ich fahre bis Mantacra. Dort sagen mir die Dorfbewohner, in ihrer Schule hätten schon andere Radtouristen übernachtet; mit mir klappe das genauso gut. Eine Schar von Kindern begleitet mich zum Schulhaus. Die Rektorin gibt grünes Licht, und kurz darauf befinde ich mich, zusammen mit unzähligen neugierigen Augen und Ohren, in einem der beiden Schulzimmer. Was macht man da? Ich erinnere mich an die Erlebnisse eines Radfahrerkollegen und beschaffe einen Globus. Gemeinsam suchen wir darauf mein kleines Heimatland. Dann zeichne ich eine Karte der Schweiz an die Wandtafel und referiere eine gute halbe Stunde. Nach ihren Wünschen gefragt, wollen die noch anwesenden Schülerinnen und Schüler Wörter auf Englisch übersetzt haben. Als ich nur noch fünf Kinder bei mir habe, öffne ich meine Taschen und führe meine Ausrüstung vor. Erst nach neun Uhr und nach einigen Runden schweizerischem und peruanischem Kartenspiel verlassen mich die letzten Besucher, und ich lege mich schlafen.

Die nächsten beiden Tage bin ich durchs gleiche Tal unterwegs. Am Mittwoch wird dieses heiss und trocken, bevor ich den fürchterlich holprigen Aufstieg nach Huanta unter die Räder nehme. Am späten Nachmittag erscheine ich auf einem der Stadtplätze. Flugs bildet sich ein Auflauf von Menschen, und ich muss Rede und Antwort stehen, bevor ich mich zu einem Hotel aufmache. Etwas später an diesem Abend bin ich schon wieder in Gesellschaft, nämlich zweier Studenten. Wir tauschen Englisch- gegen Quechuaunterricht.

hoch Rauf und runter

Tags darauf folgt die nicht allzulange Fahrt nach Ayacucho. Vor dem Schlussaufstieg treffe ich eine Gruppe Jugendlicher mit Fahrrädern und einem platten Reifen. Klar, dass man sich unter Kollegen aushilft. Ich suche eine Unterkunft nahe der Autowerkstätten am Stadteingang und bringe mein Transportgerät zum Schweissen, denn die Schüttelfahrten haben dem vorderen Gepäckträger seit Mexiko zugesetzt, und vor wenigen Tagen ist auch die zweite Halteöse am Gabelende gebrochen. Am Freitag bin ich schon wieder mit neuen Freunden unterwegs. Sie führen mich durch den historisch bedeutsamen Ort mit seinen vielen Kirchen. Am Abend gehen wir zusammen in ein Lokal mit populären Klängen. Ich amüsiere mich nicht allzusehr, nicht unbedingt, weil mir die Musik nicht gefällt, sondern weil mein Herz immer noch in Huancayo ist.

Am Samstag klettere ich, erneut auf einer Schotterpiste, über tausend Meter hinauf, um mich fast den ganzen folgenden Tag über einen Höhenzug weiterzuarbeiten. Erst kurz vor Sonnenuntergang erreiche ich das erste Dorf an diesem Tag. Eine Schar von Frauen hat ein Netz über die Hauptstrasse gespannt und spielt Volleyball. Mir kann etwas Abwechslung nicht schaden. Ich spiele eine Weile mit. Der weitere Verlauf führt in ein Tal weit unter 2000 Meter und dann wieder auf über 4000, mit den bekannten Insekten- und Klimaproblemen.

hoch Und rauf und runter

Das Streckenblatt des peruanischen Touring- und Automobilclubs, das mir als Orientierungshilfe dient, weist zahlreiche Fehler auf, doch in diesem Abschnitt erreicht es den Gipfel der Ungenauigkeit. Zwischen Chincheros und Andahuaylas will es, zählt man alle Angaben zusammen, dem Reisenden fast das Doppelte der tatsächlichen Distanz unterjubeln. Ich absolviere die Strecke in einem statt der vorausgesagten zwei Tage und verbringe die Nacht in Andahuaylas. Bevor ich am Mittwoch weiterfahre, esse ich in einem kleinen Restaurant und erhalte nach gemeinsamem Gebet den Segen eines überzeugteren Christen, als ich es bin, mit auf den Weg. Schaden wird dies bestimmt nicht.

Wieder steigt die Strasse auf über 4000 Meter an, und am nächsten Tag, in der Abfahrt, bricht schon wieder die Aufhängung des vorderen Trägers. Ich schicke mich an, die Sache wie gewohnt behelfsmässig zu reparieren, doch ein Bauer, der samt Familie auf seinem Traktor vorbeituckert, erledigt freundlicherweise die Arbeit für mich. Und schon wieder ein tiefes Tal und ein zermürbender Aufsieg, mittendrin Abancay, wo ich die Nacht verbringe. Erst am Freitag Abend komme ich, in einer sich lange hinziehenden Baustelle, auf der Passhöhe an. Ein besserer Feldweg wird hier in eine stattliche Hauptverbindungsstrasse verwandelt. Wenige Kilometer unterhalb meines Nachtlagers beginnt das Resultat der umfangreichen Arbeiten: eine makellose Teerpiste, und dies fast ohne Verkehr. Nur für die Brücken scheinen die Finanzen nicht gereicht zu haben.

hoch Tourismusblüte

Die tiefstgelegene und grösste dieser Brücken wird wie üblich von einem Posten der Landespolizei bewacht. Ich bleibe länger als bei einer solchen Kontrolle üblich, denn die Beamten laden mich zum Mittagessen ein, und ich bringe ihnen dafür einige Vokabeln in Englisch und Deutsch bei. Natürlich hinterlasse ich auch das zugehörige didaktische Material. Noch ein langer und kurviger Aufstieg, und dann endlich wird das Profil flacher. Am Sonntag, 17. Oktober fahre ich schliesslich in Cusco ein.

Die Innenstadt strotzt vor Touristen. Es scheint hier fast mehr von ihnen zu geben als Einheimische. Entsprechend blüht das Gastgewerbe, und für etwas mehr Geld ist auch etwas mehr Luxus zu haben. All die Leute haben auch allen Grund hierher zu kommen, denn die Stadt ist wirklich bemerkenswert: ein pulsierendes Zentrum mit Kultur und Handwerk im Überfluss und kaum eine Gasse, die nicht von altem Gemäuer gesäumt wird. Und Cusco ist auch Ausgangspunkt für den fast obligatorischen Besuch der Inka-Ruinen von Machu Picchu, der Gipfel des touristischen Reichtums der Region. Je nach Zeit und Lust kann man kurz vorbeischauen und noch am gleichen Tag mit der Eisenbahn zurückeilen oder sich ein ganzes Bündel von archäologischen Stätten in mehrtägiger Arbeit erwandern.

hoch Käfer im Darm

Ich hätte zur Abwechslung eigentlich nichts gegen einen mindestens eintägigen Fussmarsch einzuwenden, doch meine Pläne werden von verschiedenen Faktoren durchkreuzt, hauptsächlich von einem ziemlich üblen Angriff von irgendwelchen Mikroorganismen auf meinen Magen-Darm-Trakt. Die Attacke äussert sich am Montag durch penetrantes Magenbrennen, weshalb ich vorerst auf den Erwerb der Machu-Picchu-Fahrkarte verzichte, und meldet sich sporadisch mit Druchfall und weiteren Magenkrämpfen zurück. Am Dienstag erreiche ich den Schalter erst nach Ausverkauf aller Plätze, und am Donnerstag, als ich endlich im Besitz eines Billetts bin, verpasse ich nach einer ungemütlichen Nacht den Zug.

Am Freitag erst klappt es doch endlich. Ich fahre mit dem langsamen Regionalzug und staune nicht schlecht, was bei den häufigen Halten so alles feilgeboten wird. Meine erste Verrichtung an der Endstation Aguas Calientes ist ein Gang zur Toilette. Anschliessend gehe ich auf die Suche nach einem günstigen Restaurant. Die zahlreichen Lokale beim Bahnhof und entlang der Hauptgasse verlangen alle mindestens das Dreifache des gewohnten Preises für ein Menü. Die günstigen Küchen sind hinter dem Bahnhof versteckt, aber auch in einem der Fronthäuser erhalte ich das «menú nacional» anstelle des «menú turistico» zum halben Preis, allerdings erst nach mehrmaligem Nachfragen. Schon beim Kauf des Fahrscheins für die Bahn waren ähnliche Tendenzen festzustellen. Der günstige Regionalzug wird klein angekündigt. Der Zweitklassschalter ist durch einen Nebeneingang erreichbar. Der Ausländer, der nicht nachbohrt, bekommt die bessere Qualität aufgedrängt und leistet dem Land mit den zusätzlichen Devisen eine guten Dienst.

hoch Invasion der alten Mauern

Aguas Calientes befindet sich in einer tiefen Schlucht. Die Ruinen sind einige hundert Meter höher gelegen. Samstag früh, noch vor Sonnenaufgang und bevor die ersten Busse die Schaulustigen über die gewundene Strasse hochkarren, steige ich zu Fuss hinauf. Es herrscht aber auch zu dieser Stunde schon reger Betrieb, denn die Wanderer kommen scharenweise an. Ich bin etwas enttäuscht von ihnen. Sie gehen auf luftgefederten Wanderschuhen und lassen ihre Sachen von nicht halb so gut ausgerüsteten Einheimischen schleppen. Ich nehme den steilen Aufstieg auf den nahen Gipfel, Wayna Picchu, unter die Sandalen und geniesse die Aussicht auf die Mauern und die umliegenden Berge. Gegen zehn Uhr wird die Anlage erst richtig bevölkert. Unzählige in- und ausländische Besucher, die gerade erst mit dem Zug angekommen sind, ergiessen sich über die historische Stätte, und ich ziehe mich langsam nach Aguas Calientes zurück. Beim Abstieg erlebe ich einen weiteren Auswuchs des Fremdenverkehrs: Kinder in Inkakostümen, die den Buspassagieren, den kürzeren Fussweg benützend, während der Abfahrt mehrmals Abschiedsgrüsse zuschreien und so das Herz so manchen Gastes mit finanziellen Konsequenzen erobern.

Noch ein Ruhetag in Cusco, und am 25. Oktober fahre ich weiter. Die Strasse ist einiges flacher als in den Wochen zuvor. Es geht über einen kleinen Pass und dann über den Altiplano, die kühle Hochebene, bis Puno, die nicht allzugrosse Stadt am Titicacasee, wo ich Ende Woche ankomme. Die Magenprobleme wollen nicht aufhören und zwingen mich auch hier zu einem zusätzlichen Ruhetag. Am Sonntag bin ich wieder unterwegs Richtung Grenze, entlang des tiefblauen Sees unter tiefblauem Himmel. Ich fühle mich ziemlich schwach nach den unregelmässigen Essenszeiten der letzten beiden Wochen, doch ich möchte endlich La Paz erreichen, mein Ziel in Südamerika, und es fehlt nicht mehr viel. Nach einer Nacht in Juli komme ich am Montag in Desaguadero am Ausfluss des Sees an. Hier endet für mich Peru, und Bolivien beginnt.

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© 9.12.1999 albano & team