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Mai in Panama, Kolumbien

albano, Santafé de Bogotá (Kolumbien) im Juni 1999

Führungswechsel

Immer noch tobt der Wahlkampf in Panama. Auf Schritt und Tritt begegnet man der Werbung für Namen und Köpfe. Von Plakatwänden, Hausmauern und Strommasten strahlen die Gesichter herunter. Besonders gespannt ist man im Land auf die Wahl des neuen Präsidenten. Oder übernimmt gar eine Präsidentin den Posten? Alle drei Kandidaten versuchen jedenfalls, ein Maximum an Publizität zu erreichen.

Auch dem Fernsehpublikum wird kaum eine halbe Stunde auf dem selben Kanal ohne Wahlkampf gegönnt. Vergleicht man die Bilder und Versprechungen, kann wohl von Wahl, aber kaum von Auswahl gesprochen werden. Alle drei wollen nur das Beste für die Nation. Für alle drei werben lachende und tanzende Menschen. Nur dank den Partei-T-Shirts und -Mützen wird klar, für wen sie tanzen.

Am Sonntag, 2. Mai fällt die Entscheidung. Das Volk hat offenbar genug von der bisherigen Führung. Präsidentin wird die Oppositionskandidatin Mireya Moscoso. Der Bewerber, dessen Anhänger mich nach David eskortiert haben, wird nur von kleineren Parteien unterstützt, erzielt aber ein beachtliches Ergebnis.

Vier Spuren

Am Tag nach der Wahl kreuze ich wieder einmal einen Radfahrer mit viel Gepäck. Er ist aus den Niederlanden und fährt Richtung Alaska. Natürlich gibt es viel zu besprechen. Am Abend erreiche ich die Stadt, in der er die vorhergehende Nacht verbracht hat, und ich lasse nicht locker, bis ich die günstige Pension gefunden habe, die er erwähnt hat.

Weiter geht es, wie schon seit Tagen, mit vielen kleinen Aufstiegen und Abfahrten. Ein einsamer Streifenpolizist hält mich an, nicht etwa, weil ich auf der Autobahn anstatt auf der Hauptstrasse unterwegs bin, sondern weil er mir ein paar Fragen zu meiner Reise stellen will. Die Situation ist mir nicht unbekannt. Ab und zu fragen die Beamten aber nach einem Ausweis, um der Begegnung einen etwas offizielleren Charakter zu geben.

Bald darauf stehe ich vor der Brücke über den Panama-Kanal, hinter der die Hauptstadt gleichen Namens auf mich wartet. Die beidseitig stark ansteigende Fahrbahnplatte, die vier engen Fahrspuren und der dichte Verkehr sind nicht gerade eine Einladung an Radfahrer, und ich entscheide, die Überquerung auf dem noch schmaleren Gehweg zu versuchen. Bald stosse ich auf ein paar Arbeiter, einige Druckluftschläuche, einen Kompressor und einen offenen Revisionsschacht. In etwa vier Gängen trage ich meine Sieben Sachen auf die andere Seite des Lochs und setze das Fahrrad und die Packtaschen wieder zusammen.

Banken, Freunde und Helfer

In Panama stechen einmal mehr die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadtvierteln ins Auge. An wüsten Wohnblöcken vorbei erreiche ich die Altstadt mit vielen schmucken, da renovierten Bauten aus der Kolonialzeit. Von hier aus ist eine Halbinsel weiter ein Teil der urbanen Architektur aus jüngerer Zeit zu sehen: Hochhäuser, Glasfassaden. Es scheint, dass jede ansässige Bank mindestens einen Prunkbau ihr eigen nennen kann, und es gibt viele ansässige Banken. Dazwischen vervollständigen luxuriöse Einkaufszentren das Bild.

Ich komme in einer günstigen Pension in der Nähe der Altstadt unter. Eines Abends verwickeln mich zwei nicht mehr ganz nüchterne Gesellen vor dem Hotel in ein Gespräch. Der weniger Betrunkene interessiert sich besonders für meine Heimat, und ich gebe bereitwillig Auskunft. Nach wenigen Minuten treffen fast gleichzeitig zwei Polizisten und ein Gast des Hotels am Ort des Geschehens ein, um mich aus meiner vermeindlich misslichen Situation zu befreien. Nachdem die Ordnungshüter (einmal mehr) meine neue Schweizer Identitätskarte bewundert haben und sich meine Gesprächspartner nicht ausweisen können, lösen sie die Zusammenkunft auf.

Weltmacht im Krebsgang

Bevor ich am Sonntag, 9. Mai die Stadt verlasse, schaue ich mir die Halbinsel gleich beim Kanaleingang an. Die leerstehenden Bauten, früher Armeezentrale und 1989 von den USA besetzt, bieten einen etwas trostlosen Anblick. Vom Tourismuskomplex, der hier im Entstehen sein soll, ist noch nicht viel zu sehen.

Dem Kanal entlang Land einwärts stosse ich auf die diesseitigen Schleusen und gleich gegenüber auf das hiesige Hauptquartier der US-Streitkräfte, die immer noch Präsenz markieren. Doch ihre Tage in Panama sind gezählt. Bereits heute steht die Kanalzone unter der Hoheit Panamas. Ab Ende Jahr ist das Land auch allein für die Verwaltung des Kanals zuständig.

Der grosse Einfluss der USA wird auch danach im Alltag zu sehen sein. Englisch ist weiter verbreitet als in anderen Ländern Lateinamerikas, und US-Münzen sind häufig anzutreffen, da die Landeswährung, der Balboa, am US-Dollar angebunden ist und den gleichen Wert hat. Eigene Banknoten gibt Panama erst gar nicht heraus.

Beim Eindunkeln treffe ich in Colón am anderen Ende des Kanals ein, und ich darf mein Zelt für diese Nacht bei einem Aussenposten der Feuerwehr aufstellen. Am nächsten Morgen nehme ich den Weg zum Hafen von Coco Solo unter die Räder, teils über staubige und löchrige Kiesstrassen, teils durch riesige Wasserlachen. Die mehrstöckigen, leerstehenden Betongerippe und die aufgetürmten, rostenden Schiffscontainer passen ins Bild.

Warten - worauf?

Ich will von hier aus per Schiff der Nordostküste entlang Richtung Kolumbien fahren. Die beiden Staaten haben zwar eine Landgrenze, doch es gibt weder eine Strassen- noch eine Bahnverbindung. Den Reisenden stehen also lediglich eine Dschungeldurchquerung, ein Flug oder eben eine Schifffahrt zur Auswahl.

Der Frachthafen (Passagierverkehr ist nicht vorgesehen) ist umzäunt und streng bewacht. Aufs Gelände werden nur Berechtigte gelassen. Ich bin nicht berechtigt. Von aussen zugänglich sind nur der Schalter des Inkassobüros und das Sicherheitspersonal am Eingang. Beide Stellen sind nicht sehr hilfreich. Man weist mich an zu warten, worauf wird nicht ganz klar.

Geraume Zeit später lässt man mich wenigstens bis zum Büro der Ausländerbehörde passieren. Dies gibt mir Gelegenheit, etwas herumzufragen, bevor ich wieder hinausgeworfen werde. So erfahre ich, dass am nächsten Morgen ein Schiff in die gewünschte Richtung ausläuft. Ich verlange, den Kapitän zu sprechen, doch der ist nicht an Bord. Ich solle hier beim Eingang warten, man werde mich dann kontaktieren, heisst es.

Niemand erscheint. Mehrere Nachfragen am Tor werden halb bemitleidend, halb abweisend quittiert. Am Abend hat sich noch immer niemand bei mir gemeldet, und ich suche bei einem Zollbeamten Schützenhilfe. Der veranlasst, dass ich zum Schiff begleitet werde, wo ich erfahre, dass man grundsätzlich keine Passagiere mitnimmt. Inzwischen hat mich die Wachmannschaft immerhin als Sonderfall erkannt, und ich darf die Nacht innerhalb des Zauns neben dem Wachlokal verbringen.

Von Tieren und Schiffen

Am Morgen muss ich wieder raus. Inzwischen ist noch mehr Information durchgesickert: Das einzige Schiff, welches regelmässig Passagiere mitnimmt, sollte gegen Ende Woche eintreffen, und auf einem herrenlosen Kahn im Hafen wären einige Kajüten frei. Also bitte ich um ein Gespräch mit dem Chef der Sicherheitsabteilung, um eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen. Wieder heisst es mehrmals, ich solle mich noch etwas gedulden, bevor ich an den Oberaufseher des Hafens verwiesen werden. Der ist allerdings erst am nächsten Tag zu sprechen und lehnt, nach einer weiteren Nacht bei der Wache, gegen Mittag, meinen Antrag ab. So fahre ich zurück zur Feuerwehr, wo ich mehr Glück habe. Ich darf bleiben, bis das Schiff eintrifft.

Während den folgenden Tagen bin ich besonders froh um mein mückensicheres Innenzelt, denn draussen hat man zu keiner Tages- und Nachtzeit Ruhe vor den kleinen Plaggeistern. Die Ameisen lassen sich auch vom Innenzelt wieder einmal nicht abhalten, als sie die Esswaren entdeckt haben. Ab und zu verirrt sich auch ein Frosch oder ein Krebs in mein Gepäck im Aussenzelt. Und dann sind da noch die Feuerwehrhunde. Der eine von ihnen, ein kräftiger Dalmatiner mit bösem Blick und scharfen Zähnen, kann mich nicht leiden und mein Fahrrad schon gar nicht.

Natürlich schaue ich mir auch die Umgebung an. Ein Bekannter fährt mich zur Gatún-Schleuse. Hier überwinden die Schiffe, die den Kanal passieren, in drei Stufen die Höhendifferenz zwischen dem Meer und dem Gatún-See. Die ganze Anlage ist über einen Kilometer lang und hat zwei Fahrspuren. Ich beobachte eine ganze Weile fasziniert, wie sich die Becken füllen und leeren, die Tore öffnen und schliessen und wie die stattlichen Schiffe langsam, geführt von Schienenfahrzeugen durch das Werk fahren.

Flüchtige Bekanntschaft

Auch in der Stadt Colón schaue ich mehrmals vorbei. Sie ist wegen ihrer grossen Zollfreizone höchstens für Handeltreibende und Schmuggler attraktiv und ansonsten wegen der hohen Kriminalitätsrate verpönt. Und wirklich - als ich am Samstag gegen Abend zu Fuss durch die hauptsächlich von Menschen schwarzer Hautfarbe bevölkerten Strassen unterwegs bin, zerrt plötzlich jemand von hinten an meiner Umhängetasche, und zwar so heftig, dass ich auf dem Hintern lande. Ich lasse aber nicht los, und der massive Schulterriemen der Fahrradtasche hat auch schon grösseren Beanspruchungen widerstanden. Meine freie Hand zerreist noch einen Hemdsärmel, bevor ich diesen, zusammen mit einem jungen, ebenfalls schwarzen Mann verschwinden sehe. Ich schimpfe wieder einmal in meiner Muttersprache und gehe weiter.

Bald hält ein Polizeifahrzeug neben mir. Ich soll einsteigen. Hinten im Wagen liegt mein flüchtiger Bekannter von vorhin. Leicht tadelnd fragen mich die Beamten, warum ich denn diesen Stadtteil betrete, zumal noch als weisse Person. Wir fahren aufs Präsidium, wo ich etwa eine Stunde auf den Schichtwechsel im Richteramt warte, um dann den Täter des versuchten Entreissdiebstahls anzuklagen. Die Sachlage ist klar, und die Verhandlung dauert etwa zwanzig Sekunden. Der Mann wird mit Haft bestraft, erfolgreicher Abschluss harter Polizeiarbeit. Die sozialen Auswirkungen dieser Massnahme stehen auf einem anderen Blatt geschrieben.

Fast täglich spreche ich beim Hafen vor, doch das ersehnte Schiff erscheint bis Ende Woche nicht, auch nicht bis Ende meiner zweiten Woche in Colón. Die Männer vom Sicherheitsdienst, die mich inzwischen alle kennen, finden immer wieder neue Worte des Trostes und der Hoffnung, aber niemand scheint genaueres zu wissen.

Unter den Wolken

Am Montag, 24. Mai wird dann offiziell, was ich schon befürchtet habe: Das ersehnte Schiff hat unterwegs Schaden erlitten und wird repariert. Man hatte Funkkontakt. (Warum nicht eher?) Ich frage nicht, wie lange die Arbeiten dauern, denn ich würde für eine Antwort bestimmt auf später verwiesen. Stattdessen erkundige ich mich telefonisch nach einem Flug. Kein Problem, sagt man mir, ich könne morgen fliegen - allerdings ab Panama.

Inzwischen ist Nachmittag. Schnellstmöglich packe ich meine Haushaltung ein und verabschiede mich von den Feuerwehrleuten. Klar, dass ich ausgerechnet jetzt auch noch eine Reifenpanne habe. Nach zügiger Fahrt, habe ich beim Eindunklen etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt. In einem Restaurant finde ich etwas Ruhe, bis sich um Mitternacht der Verkehr gelegt hat. Um diese Zeit ist die Weiterfahrt über die grösstenteils beleuchteten Strassen angenehmer. An die Stelle der Fahrzeuge tritt aber ein anderes Ärgernis: bellende und knurrende Hunde, die ihre Territorien nachts besonders vehement verteidigen.

Als ich in der Morgendämmerung am Binnenflugplatz ankomme, der als kleines Erschwernis vor wenigen Monaten unter dem gleichen Namen auf die ehemalige US-Militärbasis verlegt wurde, verbleiben bis zum Abflug noch einige Stunden, genug Zeit um zu frühstücken, das Fahrrad auseinanderzunehmen, das ganze Gepäck aufzugeben und bei der Passkontrolle vorbeizuschauen. Der Beamte nickt, nachdem er lange Zeit in seinen Vorschriften geblättert hat.

Durchstarten nach Turbo

Die Reise im Kleinflugzeug geht schnell vorüber. Nach zwei Zwischenlandungen kommen wir in Puerto Obaldía an. Der Ort liegt an der Karibikküste, wenige Kilometer von der Landesgrenze entfernt. Die betonierte Landepiste ist fast grösser als die Siedlung. Nach einem Besuch beim kolumbianischen Konsulat (ein Pult, ein Stuhl, eine Schreibmaschine und einige Bücher) soll es per Wasser weitergehen.

Heute fährt kein Kursschiff. Um trotzdem weiterzukommen, miete ich, zusammen mit einem zweiten Passagier, einen motorisierten Einbaum samt Fahrer für etwa das vierfache des Kurspreises. Trotz dem Protest eines anderen Bootsbesitzers, der behauptet, nur er führe hier Passagiere, bringt uns der junge Mann, nach der Zollkontrolle am Schiffssteg, bis nach Capurganá auf der anderen Seite der Grenze. Dieses Dorf ist etwas grösser und hat sogar Hotels.

Um halb zwei Uhr, in einer guten Stunde, verlässt, man staune, ein Schnellboot mit etwa dreissig Plätzen den Hafen Richtung Turbo. Genau dort will ich hin. Wir kommen gut voran, werden dafür aber ziemlich durchgeschüttelt. Kurz vor der Einfahrt in die Stadt heisst es Schwimmwesten anziehen, und wir legen bei einem Militärposten eine Zwangspause ein. Die Fahrgäste steigen aus, müssen ein paar lästige Fragen beantworten, und zwei grün Uniformierte durchsuchen das Gepäck. Mit den Rollverschlüssen meiner Packtaschen haben sie etwas Mühe.

Von der besten Seite

Ich übernachte in Turbo. Bevor ich die geschäftige, doch nicht besonders markante Stadt am nächsten Tag wieder verlasse, muss ich noch das für meine Aufenthaltsbewilligung zuständige Amt besuchen, das DAS. Der Weg dorthin ist ziemlich schlammig, aber selten bin ich vom Vertreter eines Landes so freundlich empfangen worden, zumal noch auf einem Militärflugplatz.

Noch am selben Tag geht es im gleichen Stil weiter, und so auch während den folgenden Tagen bis Medellín. Ich werde unzählige Male zu Getränken eingeladen, erhalte Früchte und andere Esswaren mit auf den Weg. Das Gelände ist nur am ersten Tag flach. Dann beginnt dicht bewaldetes, dünn besiedeltes Hügelland, und auch die Strasse macht selbstverständlich die eine oder andere Steigung mit.

Verkohlte Häuser und Erdrutsche

In den Wäldern der Region sollen sich einige Guerilla-Gruppen versteckt halten. Ich erfahre ihre Präsenz nur indirekt, aber sie kommt deutlich genug zum Ausdruck. Da sind einerseits einige Militärkontrollen entlang des Weges, andererseits stehen auf dem Abschnitt vor Dabeiba, der zuletzt durch ein enges Tal führt, fast alle Häuser entlang der Strasse leer. Einige sind offensichtlich zerstört worden. Auch Brandspuren sind zu erkennen. Und es gibt Leute, die hier Quartier bezogen haben, nachdem sie ihre weiter von der Strasse entfernten Wohnungen geräumt haben.

Nach Dabeiba stellt sich wieder ein Problem ganz anderer Art: Seit einige Monaten ist die Hauptstrasse unterbrochen. Einige hundert Meter sind abgerutscht. Auf der weiträumigen Umfahrung über eine Naturstrasse wird an einer Brücke gewerkelt. Der zuständige Ingenieur beklagt die leeren Staatskassen und rechnet mir vor, wie lange es dauern würde, die vielen Kubikmeter Erdmaterial, die in seinem Abschnitt auf der Strasse liegen, wegzuschaffen, wenn das Geld dafür vorhanden wäre.

Am gleichen Tag begleitet mich noch ein Motorradfahrer und nimmt dabei in Kauf, sein Ziel eine gute Stunde später zu erreichen. Bevor ich am Sonntag, 30. Mai Medellín erreiche, steht mir dann noch einmal eine deftige, fast vierzig Kilometer lange Steigung im Weg.

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© 30.6.1999 albano & team