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April in Nicaragua, Costa Rica, Panama

albano, Colón (Panama) im Mai 1999

Unterwegs in Managua treffe ich einen anderen Radfahrer mit vollbepacktem Gefährt. Er ist aus Japan, heisst Daisuke und hat noch einiges vor. Nach Südamerika steht Europa auf seinem Programm.

Japanische Wende

Abends treffen wir uns in meiner Herberge wieder, und am nächsten Tag - wir schreiben den ersten April - brechen wir gemeinsam auf, und zwar nach Granada, am grösseren der beiden grossen Seen des Landes gelegen, am Nicaragua-See.

Kurz bevor wir die Stadt erreichen, entdeckt Daisuke einen Landsmann am Strassenrand und hält an. Nach kurzem Gespräch, von dem ich vermute, dass es auf japanisch geführt wird, werde ich auf englisch eingeweiht: Wir dürfen bei unserer neusten Bekanntschaft übernachten. Unser Gastgeber ist Arzt und eine Weile hier im Land tätig. Im Windschatten seines Taxis gelangen wir zu seiner Wohnung. Nach einem Stadtrundgang essen wir zu Hause - japanisch. Auch ein Computer steht zur Verfügung. Ich lerne zuerst japanische Zeichen und arbeite dann bis in die frühen Morgenstunden an meinen neuen Internet-Seiten, und zwar in lateinischer Schrift.

Amtsschimmel zum zweiten

Am nächsten Tag erhalten wir jede Menge Medikamente mit auf den Weg entlang dem See Richtung Grenze. Bevor wir dort eintreffen, bewundern wir die beiden Vulkankegel, die aus dem Wasser aufragen. Kaum haben wir die Zollstation erreicht, bieten unzählige Kinder und Jugendliche ihre Hilfe an, ein untrügliches Zeichen für komplizierte Formalitäten. Ich bin gespannt, mit welchen Überraschungen die Behörden diesmal aufwarten. In einem der Gebäude gibt es einen Ausgangsstempel in den Pass, doch erst, nachdem man an der Kasse im anderen Gebäude die entsprechende Gebühr entrichtet hat. Gestempelt wird an etwa drei Schaltern ohne Wartezeit. Vor dem einzigen Kassen-Schalter ist eine ziemlich lange Warteschlange.

Es kursieren Gerüchte, man müsse noch einen weiteren Beitrag entrichten. Ich erkundige mich beim zuständigen Beamten, wofür denn diese Gebühr sei, erhalte keine befriedigende Antwort und bezahle nichts. Daisukes Quittung enthüllt, dass es sich um die Gemeindegebühr gehandelt hätte. Da er keine Papiere fuer sein Fahrzeug hat, trennen wir uns, und ich warte an einer weiteren Schlange etwa eine halbe Stunde auf einen (kostenlosen) Stempel. Das besiegelte Formular nimmt mir dann der letzte Kontrollposten vor der Grenze ab. Mit ein paar freundlichen Worten geht es aber auch ohne Formular, wie mein Begleiter inzwischen herausgefunden hat. Die Einreise nach Costa Rica ist bedeutend einfacher, und der Ablauf ist erstaunlich gut koordiniert: Am einen Schalter wird der Pass bearbeitet, am anderen erhält man ihn nach Bezahlung der Gemeindegebühr wieder.

Diebe

Wir übernachten in einem Hotel. Die Fahrräder bleiben ausserhalb des Zimmers. Mein Freund lässt das meiste Gepäck wie immer angeschnallt, und am Morgen fehlen einige Dinge in seinen Taschen. Ich bin vorsichtiger, bleibe jedoch auch nicht ganz verschont. Einer meiner besten Ausrüstungsgegenstände, die Pumpe, sollte nicht mehr auftauchen.

Als wir dann am Abend in Liberia wieder eine günstige Unterkunft suchen, führt uns ein Betrunkener in seine Wohnung. Die Nachbarin und Mutter des Mannes warnt uns hinter vorgehaltener Hand vor der diebischen Ader unseres Vermieters. Als er kurz weggeht, erstattet sie uns die bereits bezahlte Miete und ist sichtlich erleichtert, als wir wieder ausziehen, um uns ein anderes Zimmer zu suchen. Die nächste Nacht verbringen wir in Cañas. Nach langen Verhandlungen und insistierendem Warten erhalten wir am folgenden Morgen das Pfand für die am Vortag gekauften Mehrwegflaschen zurück.

Schweiz mit Vulkan

Nach mehreren Tagen mit leicht welligem Gelände biegen wir ab und klettern Richtung Arenal-See. Hochspannungsleitungen und Wassertürme verraten seine Funktion als Kraftwerkspeicher. Gleichzeitig dient er, zusammen mit dem gleichnamigen Vulkan, als Touristenattraktion. Das hügelige Umland drückt der schmalen Uferstrasse seinen Stempel auf. Viele kurze, steile Aufstiege sind zu bewältigen. Ein Besuch im botanischen Garten mit tropischen Pflanzen bringt Abwechslung.

Später tauchen rechts der Strasse plötzlich Schweizer Beuernhäuser auf, keine Luftspiegelung, sondern ein weiterer Brennpunkt für Erholungssuchende mit dem sinnigen Namen "Pequeña Elvecia" (kleine Schweiz). Sogar ein Bergkirchlein schmückt den Komplex. In der Annahme, dass die Preise auch hier, wie in der ganzen Region einiges über dem Durchschnitt liegen, setzen wir uns auf der gegenüberliegenden Strassenseite zum Picknick hin. Am Abend streichen wir auch den seit einigen Tagen üblichen Hotelbesuch und zelten an einem Bach am Fuss des Vulkans. Dieser macht sich von Zeit zu Zeit mit einem Donnergrollen bemerkbar. Als es wieder hell ist, erhaschen wir auch eine wolkenlose Ansicht des Berges.

Einen Tag später, am neunten des Monats, erwartet uns wieder ein anspruchsvolles Streckenprofil. Es geht von Ciudad Quesada Richtung San José lange aufwärts mit kurzen Abfahrten dazwischen. Die Strasse verläuft inmitten saftiger Wiesen, auf denen schwarzweiss gefleckte Kühe mit prall gefüllten Eutern grasen. Wird Costa Rica deshalb als die Schweiz Mittelamerikas bezeichnet? Die Autobahn, auf der wir weiterfahren und anderentags San José erreichen, ist alles andere als flach. Das Fahrradverbot wird auch hier nicht durchgesetzt. Wir bleiben einige Tage in der Hauptstadt. Ab der zweiten Nacht haben wir ein breiteres, aber immer noch ein Doppelbett. Dafür ist das Zimmer kleiner und günstiger.

Schweizer mit Problemen

Am Sonntag Abend - ich bin allein unterwegs - spricht mich ein gut gekeideter Mittdreissiger mit St-Galler-Dialekt an. Es ist Marc Roman Schmidli. Es stellt sich aber unter einem seiner Künstlernamen vor. Sein Urlaub habe eine traurige Wende genommen. Sein ganzes Gepäck, Dokumente inbegriffen, sei gestohlen worden. Seine Freundin sei immer noch einem Nervenzusammenbruch nahe und werde auf dem Polizeiposten betreut. Und er brauche jetzt etwas Geld, um nach Hause zu faxen, woraufhin umgehend viel mehr Geld von dort eintreffen werde. Wer würde einen Landsmann in einer so ungemütlichen Situation im Stich lassen? Marc macht sich mit dem Geld auf die Socken.

Einige Stunden später kommen Daisuke und ich von Restaurant zurück und treffen den Schweizer erneut auf der Strasse an. Er braucht schon wieder Geld, diesmal fürs Hotel. Gleich morgen früh aber, so versichert er uns, werde seine Überweisung abgewickelt. Pech für Marc, dass er einen Besuch bei seiner Freundin auf der Polizeistation partout verweigert. Auch die Angaben zu seinem Arbeitsplatz bei einer Grossbank in Zürich sind etwas vage, und ich lehne eine Aufstockung des Kredits mangels Sicherheiten ab. Später schaue ich auf der Schweizer Botschaft vorbei. Dort hat Marc es bis ans Anschlagbrett geschafft. Auf dem Aushang ist zu lesen, dass er manchmal auch Geld für die Flughafentaxe benötigt und dass seine Freundin manchmal sogar im Spital ist.

Allein in den Regen

Der freundliche Ostschweizer ist freilich nicht alles, was San José zu bieten hat. Das Zentrum ist allerdings wenig markant. Es fehlt ein Brennpunkt. Die Fussgängerzone ist auch eher durchschnittlich. Der zoologische Garten hingegen kann sich sehen lassen. Er ist klein, aber abwechslungsreich. Daneben spüren Daisuke und ich Japanisches auf. Nach einer akribischen Sicherheitskontrolle werden wir in die japanische Botschaft eingelassen. Wir besuchen auch junge Leute, welche hier für das offizielle japanische Entwicklungsprogramm tätig sind, eine von vielen Möglichkeiten für uns, zu einer Waschmaschine zu kommen.

Vom Donnerstag, 15. April an gehen Daisuke und ich wieder verschiedene Wege. Er will die Grenze zu Panama auf der Atlantik-Seite überqueren, ich auf der Pazifik-Seite. Doch bevor ich San José verlasse, arbeite ich nochmals einige Stunden in der Universität am Computer. Die Nacht verbringe ich unter freiem Himmel, gut behütet vom Sicherheitsmann, der den Eingang zum angrenzenden Wohnquartier sichert.

Auf meiner Route gibt es den höchsten Pass des Landes zu bewältigen. Dass es in dieser Gegend praktisch jeden Tag regnen soll, kann ich nach fast acht Monaten Trockenheit kaum glauben. Doch tatsächlich, noch bevor ich die Steigung bei Cartago in Angriff nehme, setzt der Niederschlag ein. Den Rest des Tages und am folgenden Tag geht es aufwärts. Der Regen setzt zwar zwischendurch aus; trotzdem wird deutlich, warum die Vegetation hier Regenwald heisst.

Sandpisten mit Schlaglöchern

Der höchste Punkt des Überganges, nahe dem Cerro (Berg) Buenavista, etwas weniger beschönigend auch Cerro de la Muerte genannt, liegt auf über 3000 Meter über Meer. Es wird also recht kühl, und in der dann folgenden Abfahrt benutze ich erstmals auf dieser Reise die dicken Handschuhe, eine Abfahrt mit vielen Abschnitten ohne harten Belag - Schäden, die auch der Regen zu verantworten hat. Es folgt ein Gebiet mit lauter Ananasplantagen und hartgesottenen Arbeitern, die mit dicker Kleidung und Schutzbrillen zwischen den harten, stacheligen Blättern jäten.

Am Dienstag biege ich zu einem Abstecher auf die Osa-Halbinsel ab. Der (fehlende) Strassenbelag, die verbleibende Distanz und vor allem die Schlaglöcher laden nicht gerade zum Weiterfahren ein. Für einmal nehme ich ein Mitfahrangebot an. Mein Fahrrad findet auf der Ladefläche des Lieferwagens Platz und ich in der Führerkabine neben dem einzigen Tankstelleninspektor des Landes. Nach kurzweiliger Fahrt beziehe ich in Puerto Jiménez ein Zimmer.

Schon am nächsten Tag geht es weiter, diesmal ohne mein Gefährt, und zwar im Sammeltaxi. Mein einziges Gepäckstück ist der Rucksack, gefüllt vor allem mit Lebensmitteln. Die holprige Fahrt führt nach Carate am Südufer der Halbinsel, ein paar Häuser und eine Landepiste. Unter den Fahrrgästen hat es mehr Reisende als Einheimische.

Sandstrand und Regenwald

Zwei Kanadierinnen und eine Kalifornierin haben ungefähr das gleiche vor wie ich, nämlich eine mehrtägige Wanderung durch den Corcovado Nationalpark. Wir marschieren also gemeinsam los. Schon bald, am Eingang zum Park, treffen wir auf den Posten der Aufseher, bezahlen Eintritt und werden registriert. Der Weg führt teils dem Meer entlang, teils etwas innerhalb durch den Wald. Blauer Himmel, Sonne, Sand, Muscheln, Palmen und ein trostloses Schiffswrack - genau so stellen sich wohl die meisten Nordländer einen tropischen Strand vor. Dass die Hitze ohne Schatten kaum auszuhalten ist, wird dabei gerne vergessen.

Im dichten Unterholz ist es etwas kühler. Ab und zu huschen grosse, rote Krebse seitwärts aus dem Weg. Einmal stossen wir auch auf Affen, welche sich elegant von Ast zu Ast schwingen und uns als Ziele für ihre Wurfübungen missbrauchen. Am Nachmittag erreichen wir Sirena, einige mit Lauben verbundene Holzbauten. Meine drei Freundinnen haben Betten reserviert. Ich verbringe die Nacht im Zelt. Am frühen Morgen ist das furchterregende Heulen der Affen zu hören. Die heutige Tagesetappe führt etwa 20 Kilometer landeinwaerts durch die dichte Vegetation. Heute sind unter anderem grosse Schmetterlinge mit schimmernden, blauen Flügeln zu beobachten, fotografieren aber lassen sie sich nicht.

Kurz vor dem Ziel werde ich plötzlich daran erinnert, dass ich mich immer noch im Regenwald befinde: Nur einige Sekunden lang ist zu hören, wie die dicken Tropfen auf den Blättern auftreffen, bevor sie zu Boden prasseln und für ein halbe Stunde die ganze Gegend in einen Wasserfall verwandeln. Der Parkposten Los Patos bietet Schutz vor den Wassermassen. Wir verbringen den Nachmittag mit den Aufsehern und die Nacht in der gleichen Kombination wie die vorangehende.

Nass an die Grenze

Am dritten Tag verlassen wir den Park über einen glitschigen Pfad wieder. Der Weg führt weiter einem Fluss entlang, den es mindenstens zehn Mal zu durchqueren gilt. Als uns der Versorgungs-Jeep des Parks auf seinem Weg zurück nach Puerto Jiménez überholt, packen wir die Mitfahrgelegenheit. Nachden wir den Preis auf die Hälfte heruntergefeilscht haben, machen wir es uns neben den transportierten Waren so gemütlich wie möglich. Bei einem Halt überrascht uns der Fahrer mit Kuchen. Der ist im Transportentgelt scheinbar ebenso inbegriffen wie der Abstecher zu einem weiteren Aufsichtsposten.

Am nächsten Tag, am Samstag dem 24., muss ich mich von meinen Begleiterinnen trennen. Um sechs Uhr in der Frühe bin ich schon auf dem Boot Richtung Golfito unterwegs. Von dort geht es wieder mit dem Fahrrad über einen Kiesweg zurück zur Hauptstrasse. Seit San José ist praktisch kein Tag ohne Wasser von oben vergangen, und so gibt es auch heute, bevor ich die Grenze in Paso Canoas erreiche, eine kräftigen Regenguss.

Einmal mehr haben sich die Behörden eine neue Gebühr einfallen lassen. Als ich nachfrage, wofür ich die 200 Colónes zu entrichten habe, deutet der Beamte auf ein ausgehängtes Schreiben von der vorgesetzten Stelle. Die Ausreisenden werden für die Finanzierung der nationalen Rot-Kreuz-Organisation zur Kasse gebeten.

Ruhetage mitten im Wahlkampf

Die Nacht verbringe ich im pulsierenden Grenzort, und tags darauf gerate ich in Panama mitten in den Wahlkampf. Es beginnt völlig harmlos mit einzelnen Autos, aus denen Fahnen und Fähnchen mit den Parteiemblemen ragen. Wenige Kilometer vor David aber saugt mich eine Wahlkaravane auf, welche für einen der Präsidentschaftskandidaten wirbt, und ich muss mir einen Weg durch die Blechlawine mit hupenden und schreienden Menschen bahnen.

Kurz vor diesem Ereignis hat mich ein Fahrzeuglenker zur Seite gewinkt und mich eingeladen, ihn, seine Frau und seine beiden Söhne in David zu besuchen. Der Mann ist auch Radfahrer und von Beruf Kammerjäger. Als ich bei ihm zu Hause eintreffe, verlängert er die Einladung auf unbestimmte Zeit, und mir wird ein Bett zugeteilt. Vom Kühlschrank bis zum Fernseher steht mir alles zur Verfügung. Daheim ist es so gemütlich, dass ich kaum das Haus verlasse, es sei denn für einen Ausflug zusammen mit meinem Logisgeber. Nach vier Nächten bei der Familie fällt der Abschied schwer genug. An den letzten beiden April-Tagen bin ich wieder unterwegs, und zwar weiter auf der Hauptstrasse Richtung Panama-Stadt.

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© 4.6.1999 albano & team