links
hoch
rechts

März in Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua

albano, Puerto Jiménez im April 1999

Auch in Quezaltenango, aber nennen wir die Stadt doch einfach Xela, wie die Einheimischen, fällt es nicht leicht, Bargeld zu beschaffen, jedenfalls nicht am Sonntag. Automaten, die meine Karte schlucken, finde ich auch hier keine. Schliesslich ende ich an einer Hotel-Reception, wo man bereit ist, gegen harte US-Dollars einige Quetzales herauszurücken.

Am Montag, 1. März lasse ich Xela hinter mir zurück. An einem Verkaufsstand unterwegs kaufe ich Pfirsiche. Die gewählte Ausfallstrasse führt talabwärts. Wie schnell man doch so vorwärts kommt. Doch es ist die falsche Ausfallstrasse. Die dicken, schwarzen Wolken, die sich bei Zunil bedrohlich das Tal hochwälzen, scheinen meinen Irrtum unterstreichen zu wollen.

Alte und neue Freunde

Erst am folgenden Morgen klettere ich die gleiche Strecke wieder hoch und komme zum zweiten Mal am gleichen Früchteverkaufsstand vorbei. Die Besitzerin begrüsst mich wie einen alten Freund, obwohl wir uns am Vortag gar nicht getroffen haben. Ich bleibe gleich einige Stunden. Als ich weiterfahre, ist mein Notizheft mit Sätzen in Quiché angereichert, der Sprache der ursprünglichen Bevölkerung dieses Landesteils.

Tags darauf komme ich nach einer halsbrecherischen Abfahrt in Panajachel an. Das Städtchen am Nordufer des Lago Atitlán erfreut sich vieler Besucher. Am Stadtrand kassiert ein Gemeindepolizist eine bescheidenen Durchfahrtsgebühr ein. Radfahrer bezahlen nichts, sagt er mir, doch er würde sich über eine "Zusammenarbeit" freuen.

Panajachel ist fast ein muss für Guatemala-Reisende. Wohl nicht ganz zufällig treffe ich also hier zwei meiner Schweizer Freunde aus Oaxaca mitten auf der Hauptstrasse wieder. Auf ihrem Zeltplatz finde ich einen weiteren oaxaquensischen Bekannten und ausserdem einen VW-Bus mit Tessiner Nummernschildern, der tatsächlich zu einem Tessiner Paar gehört.

Schicksalsschläge am Luganersee

Mit etwas Fantasie ist noch mehr Südschweizerisches auszumachen: Der Vulkan San Pedro gleicht dem Monte San Salvatore, und das Gewässer dem Luganersee. Aber wo ist Lugano? In Santiago Atitlán jedenfalls, in der Bucht am gegenüberliegenden Seeufer gelegen und am besten mit dem Schiff erreichbar, sind keine Parallelen erkennbar; nur enge, staubige Gassen und touristenhungrige Souvenirläden.

Vielleicht habe ich auch etwas übersehen, denn so richtig wohl fühle ich mich auf dem Ausflug mit dem Schiff nicht. Die Grippe, die mich in den nächsten Tagen beschäftigen wird, kündigt sich bereits mit Kopfweh und jenem typischen, ekelhaften Gefühl im Hals an. Und als ich mich wieder vom Schlafsack zum Lebensmittelladen und zurück schleppen kann, doppelt das Schicksal gleich noch mit einer hartnäckigen Ameiseninvasion in meinem Zelt nach.

Guatemala antik und modern

Am Montag, 8. März verlasse ich den Ferienort, nachdem ich noch einen Schweizer und seine deutsche Freundin kennengelernt habe. Auf der alten panamerikanischen Hauptstrasse fahre ich nach Osten. Wieder einmal gilt es enge, steile, unasphaltierte Abschnitte zu bewältigen, welche ich jedoch am Abend alle gemeistert habe. Anderntags erreiche ich Antigua Guatemala, vor Jahrhunderten die wichtigste Stadt in Mittelamerika. Die holprige Pflästerung der Gassen gehört scheinbar zum Ortsbild. Die Stadt sei ausnehmend sauber und aufgeräumt, sagt man mir, weil morgen der Präsident der Vereinigten Staaten hier zu Besuch erwartet werde.

Knapp 50 Kilometer weiter liegt die Millionenstadt Guatemala. Auf der langen Abfahrt in die Hauptstadt hängen sich einige Elite-Radrennfahrer in meinen komfortablen Windschatten. Der grosse Platz im Zentrum mit den angrenzenden Gebäuden erscheint wie eine Kopie mexikanischer Ausgaben. Natürlich brüstet sich in der Platzmitte eine gigantische guatemaltekische Staatsflagge anstelle der mexikanischen. Der Charme der übrigen Innenstadt hält sich in Grenzen. Der sich ungehindert auch durch die Haupteinkaufsstrasse wälzende Verkehr trägt seinen Teil dazu bei. Trotzdem verweile ich einen Tag.

Refugien für einen Reisenden

Am Freitag bin ich wieder auf Achse. Ein Nachtlager erhalte ich, einmal mehr, von einem Passanten angeboten. Im Haus seiner Eltern, genauer in seinem Zimmer, ist ein Bett frei. Wenigstens kann ich mit einigen Zutaten fürs Abendessen aushelfen. Das Resultat ist eine Art Bohnensuppe mit Teigwaren. Am folgenden Tag passiere ich bei Valle Nuevo die nächste Landesgrenze und lasse die nötigen Formalitäten über mich ergehen. Auf der Brücke über den Grenzfluss verabschieden und begrüssen zwei grosse Schilder die Reisenden.

Abends bin ich, wie immer, auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen für mein Zelt und mich, doch El Salvador ist dicht besiedelt, auch in ländlichen Gebieten - links und rechts der Strasse Menschen, Zäune, Häuser. Bevor ich aber jemanden bitten kann, mir ein Stück seines Landes für eine Nacht zu überlassen, bin ich schon wieder eingeladen. Diesmal campiere ich im Garten eines Psychologen. Fürs Abendessen führt man den Gast in eine Pupuseria, ein kleines Restaurant. Dort gibt es, logischerweise, Pupusas, mit Fleisch gefüllte Teigfladen, von welchen ich fast nicht genug kriegen kann.

Luxus und Schutt

Nach einer weiteren Nacht im Zelt oberhalb des Lago de Coatepeque und einem schweisstreibenden Aufstieg mit viel Verkehr, stosse ich in San Salvador auf ein pompöses Einkaufszentrum mit vollen Regalen und viel verkaufsförderndem Drum und Dran, und ich steige ein. Ob mir wohl der Liter Eis nicht bekommt, der mit mir den Laden verlässt und den ich sogleich verspeise? Oder ist es eher die alte Mayonnaise, die, mit scharfer Sauce gemischt, nur noch im Salat einigermassen schmeckt? Jedenfalls liege ich die nächsten beiden Tage wieder flach - Symptom: Durchfall, und obendrein noch Fieber.

Von der Stadt sehe ich so nicht viel, doch die Erdbebenschäden an einigen Häusern fallen mir trotzdem auf, und wahrscheinlich ist an den Schutthaufen, die vereinzelt anstelle von Gebäuden zu sehen sind, auch der unruhige Untergrund schuld. Am Freitag, 19. März fahre ich weiter, immer noch durch dicht besiedeltes Gebiet und über Strassenabschnitte von unterschiedlichster Qualität.

Hart am Existenzminimum

Am übernächsten Abend werde ich schon wieder eingeladen und stelle mein Zelt vor der Behausung einer über zehnköpfigen Bauernfamilie auf. Der Hurrikan Mitch vom vergangenen November hat der mit Lehmziegeln aus eigener Produktion gebauten Unterkunft stark zugesetzt. Die Inneneinrichtung ist schlicht: eine Kochecke, einige Matratzen und Hängematten. Als Fussboden dient die gleiche Erde wie ums Haus herum. Trotzdem ist es gemütlich und vor allem schattig. Und nebenan wird an einem neuen Haus gebaut.

Mitch hat noch mehr Spuren hinterlassen: Auch die letzte Maisernte erwischte zuviel Regen und wurde fast ganz vernichtet. Gleichzeitig schnellte natürlich der Marktpreis dieses Grundnahrungmittels in die Höhe, weshalb der Reis und die Teigwaren, die ich mitführe, willkommen sind. Ich bleibe gleich zwei Nächte bei der Familie und gewinne noch mehr Einblicke. Eine besondere Herausforderung ist die Unterhaltung mit dem hörbehinderten Mädchen, das mit den Leuten zusammenlebt.

Immer wieder Gastfreundschaft und Mitch

Die Gastfreundschaft nimmt kein Ende. Nach meinem ersten platten Reifen seit Oaxaca und bevor ich El Salvador verlasse, lande ich wieder für eine Nacht auf der Veranda eines Bauerngutes, und am nächsten Tag wird mir in Honduras, als ich für eine kurze Pause anhalte, sogar das Mittagessen angeboten. Tegucigalpa, die Hauptstadt, besuche ich nicht. Stattdessen fahre ich auf die nächste Grenze zu.

An Choluteca und seiner heissen Ebene nahe der Pazifikküste führt kein Weg vorbei. Schon seit einigen Tagen hangle ich mich vom einen Laden mit kühlen Getränken zum nächsten und bin froh, als die von mir gewählte Route wieder ins Gebirge führt. Mitch hat seine Visitenkarte vielerorts hinterlassen. Die Wassermassen haben Teile der Strassen, ja ganze Brücken weggerissen. Der Verkehr rollt über Provisorien. Entlang des Weges sind Zeltsiedlungen und Fahrzeuge von Hilfsorganisationen zu sehen.

Amtsschimmel

In den vergangenen Wochen habe ich verschiedene Grenzen passiert, und dies jeweils recht zügig. Am Donnerstag, 25. März aber nehmen sich bei El Espino die nicaraguanischen Behörden meiner an. Nachdem zwei Beamte in einer Kabine am Rand der Strasse mein Registrier-Formular ausgefüllt haben, halte ich beim Hauptgebäude. Dort gibt es gegen Bargeld einen Stempel in den Pass. Ich bestehe darauf, in Landeswährung zu bezahlen, obwohl zwei Dollars anstelle von 22 córdobas offensichtlich willkommen wären, was mehrfach betont wird. Meine 20er-Note wird wegen Kritzeleien nicht akzeptiert, und für die 50er-Note steht nicht genug Wechselgeld zur Verfügung.

Während im Büro Kleingeld gesucht wird, starte ich zusammen mit einer Beamtin den Prozess der Fahrzeug-Registrierung. Jawohl, auch der Aufenthalt meines Fahrrades muss bewilligt werden. Gemeinsam füllen wir ein weiteres Formular aus und sind etwas unsicher bei den Angaben zur Motornummer und zur Anzahl Zylinder. Danach tritt ein Mitarbeiter an der Schreibmaschine in Aktion und stellt mit den gesammelten Informationen eine Bescheinigung aus. Er ist etwas irritiert, dass ich keinen Fahrzeugausweis vorlegen kann. Zum Schluss werden die Fahrrad-Daten noch in den Pass eingetragen, all dies, wohlverstanden, kostenlos, und inzwischen ist auch mein Wechselgeld bereit.

Idylle inmitten von Spannungen

Einige hundert Kilometer weiter liegt Managua, wo ich die letzten Tage des Monats verbringe. Ich übernachte in einer bei Rucksack-Touristen beliebten, günstigen Herberge. Im grossen Innenhof empfängt eine Cafeteria die Gäste. Es stehen Polstermöbel, Hängematten und auch ein Fernsehgerät bereit. Auf dem Schirm läuft oft CNN. Ein Thema dominiert die Nachrichtensendungen: Kosovo.

Managua, am Südufer des gleichnamigen Sees gelegen, hat kein eigentliches Zentrum. Zwischen den verschiedenen Stadtteilen gibt es grosse Grünflächen. Die Siedlungen spiegeln die ungleiche Verteilung des Wohlstandes wider. Unweit von prunkvollen Einkaufpalästen und teuren Hotels hausen Menschen in schäbigen Betonbauten ohne Fenster. Einen weiteren grellen Kontrast bilden die beiden Kirchen. In der Nähe des Sees steht das gotische Skelett der alten Kathedrale, die heute als Museum dient. Seit ein paar Jahren ist in einiger Entfernung ein grauer Kuppelbau in Betrieb, die neue Kathedrale, welche ohne das grosse Kreuz von aussen leicht mit einer Montagehalle verwechselt werden könnte.

hoch

© 27.4.1998 albano & team