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Januar in Mexiko

albano, Tuxtla Gutiérrez (Mexiko) im Februar 1999

Für die Silversternacht wähle ich wieder einen Friedhof. Diesmal bleibe ich ausserhalb der Mauer. Die Hunde, die dort offenbar wohnen, opponieren, als ich an ihrer Eingangstür, einem Loch in der Wand, vorbeigehe. Ich insistiere, stelle mein Zelt auf, sie finden sich damit ab, und wir lassen uns gegenseitig in Ruhe. Zum Einschlafen höre ich das Feuerwerk in den umliegenden Dörfern knallen.

Feuer im Magen - Feuer im Berg

Der Einstieg ins Neue Jahr misslingt gründlich. Mein Bohnengericht vom Abend hat schon nicht geschmeckt, weil ich so grosszügig gewürzt habe, dass sogar ein Mexikaner die Speise als "scharf" bezeichnet hätte. Noch schlimmer aber: Ich hätte zum kochen der Bohnen noch mehr Geduld oder einen Dampfkochtopf gebraucht. Sie sind nicht gar gewesen, was ich noch den ganzen Tag spüre.

Dank der Hilfe von ortskundigen Radfahrern komme ich trotzdem recht weit. Kaum hat sich mein erster Kollege verabschiedet, treffe ich schon die nächsten beiden. Gemeinsam fahren wir über Nebenstrassen hinunter Richtung Puebla. Zu unserer Rechten erheben sich majestätisch die beiden höchsten Berge des Landes, Popocatépetl und Ixtaccíhuatl. Die mühsam langen Namen werden in der Umgangssprache abgekürzt. Der Ixta ist erloschen, der Popo aktiver als auch schon. Heute hängt eine weisse Wolke über seinem Gipfel, ab und zu soll aber eine Rauchsäule zu sehen sein.

Einer meiner Begleiter führt ein Nähatelier, wo es genug Platz für mich habe. Die letzten Kilometer dorthin fahren wir auf der Autobahn, unbehelligt von der Polizei, deren Streifenwagen uns zweimal überholt. Es stellt sich heraus, dass mit der Einladung Halbpension gemeint ist, darin ist eine Rundfahrt durch das Dorf ebenso inbegriffen wie ein Fahrradtrikot aus eigener Produktion.

Frauen im Hotel

Nach einem kräftigen Radfahrerfrühstück werde ich bis Cholula begleitet, und wenig später fahre ich in Puebla ein. In der Fussgängerzone finde ich ein von aussen günstig aussehendes Hotel. Der Empfang ist im ersten Stock, erreichbar durch einen engen Gang und eine noch engere, gewundene Treppe. Ein gutes Dutzend Männer schart sich unterhalb des Aufgangs. Was es wohl dort oben zu sehen gibt? Ich trete etwas näher, und bald wird es klar: Es handelt sich um Frauen, Vermieterinnen und Mietobjekte zugleich, in der für diese Produktgattung üblichen Verpackung.

Ich kämpfe mich bis zur Reception durch. Mindestvertragsdauer für ein Zimmer ist eine Viertelstunde. Eine ganze Nacht kostet 25 Pesos, allerdings ohne Begleitung. Die Toilette ist auf dem Flur. Ich bleibe. Es erfordert viel Fingerspitzengefühl, mein Fahrrad in den ersten Stock zu tragen, doch ich schaffe es, ohne Blusen oder Strümpfe zu beschädigen.

Frauen in der Bar

Am Abend bin ich mit zwei Freunden verabredet. Wir ziehen von Bar zu Bar, testen Bier und Cocktails. Im letzten Lokal , das wir betreten, wird zu heissen Rhythmen getanzt. Die Frauen sind auffällig schmuck gekleidet. Ein Tisch direkt an der Tanzfläche erhält nur, wer eine ganze Flasche bestellt. Einer meiner Freunde entdeckt eine Bekannte, die hier arbeitet. Sie bestätigt meinen Verdacht: Die Partnerinnen werden für jeden Tanz bezahlt, und für weitergehende Bedürfnisse gibt es auch hier Doppelzimmer.

Und es wird einiges unternommen, um diese Bedürfnisse zu fördern. Plötzlich ist die Bühne wie leergefegt. Eine der Damen erschient allein, bewegt sich anmutig zur Musik, lässt bald Glitzerkleid und Reizwäsche zu Boden gleiten. Weitere folgen. Gegen Aufpreis erhält man die gleiche Vorstellung von der Dame seiner Wahl sogar auf dem eigenen Tisch geboten. Und ich habe gedacht, "Table Dance" auf der Karte sei der Name eines Getränks. Wir packen unsere Flasche ein und ziehen uns zurück. Nach all dem Alkohol bin ich froh, dass mich meine Freunde zum Hotel begleiten. Zwar könnte ich noch problemlos auf einer geraden Linie gehen, nur kann ich nirgends eine solche sehen.

Kekstransport nach Oaxaca

Am folgenden Tag heisst es Ausschlafen. Entsprechend spät verlasse ich die Stadt Richtung Westen. Schon nach wenigen Kilometern erreiche ich in einer Seitenstrasse mein nächstes Ziel: den Lebensmittelladen, in dem einer meiner Trinkgenossen von Vorabend arbeitet und zusammen mit Mutter und Schwester wohnt. Schon bald neigt sich die Sonne wieder dem Horizont zu, und man will mich nicht in die Nacht entlassen - schon wieder Vollpension zum Nulltarif. Dazu gehören auch ein privates klassisches Guitarrenkonzert meines Freundes und der Ausflug zu einem anderen Teil der Familie, wo es schon heute selbstgebackenen Dreikönigskuchen gibt, dazu Vanille- und Schokomilch. Und obendrein erhalte ich am folgenden Tag noch eine für meine Platzverhältnisse gigantische Büchse mit ebenfalls hausgemachten Keksen mit auf den Weg.

Bis Tehuacán ist wieder einmal ein verkehrsreicher Strassenabschnitt zu bewältigen, dies trotz der parallel verlaufenden, allerdings kostenpflichtigen Autobahn. Ein Lastwagenfahrer findet keinen besseren Zeitvertrieb als beim Überholen in einer Rechtskurve meine Fahrkünste und meine Bremsen zu testen. Ich fluche ihm auf Berndeutsch hinterher. Nach Tehuacán führt die Strasse durch ein einsames Tal. An den Hängen erscheinen wieder einmal Kakteen. Nach einer Nacht neben einem Bewässerungskanal und morgendlichen Gesprächen mit nüchternen und angetrunkenen Einheimischen aus der nahen Siedlung klettere ich auf die Bergkette, die es vor Oaxaca zu überqueren gilt. Einen Tag später, am Freitag, 8. Januar, treffe ich dort ein.

Express bis Mexiko

Inzwischen haben meine Eltern zu Hause Ersatzteile beschafft und ein dickes Paket geschnürt. Meine hintere Felge ist zwar noch fahrbar, aber ihr Zustand ist mehr als bedenklich. Auch die Gepäckträger haben schon bessere Zeiten erlebt. So entscheiden wir, die Ware per Expressdienst nach Oaxaca befördern zu lassen, anstatt mit unklarer Lieferzeit irgendwo auf meinen künftigen Weg. Wir wählen EMS, den posteigenen Eildienst.

Am Tag meiner Ankunft erkundige ich mich am EMS-Schalter in Oaxaca nach der Empfängeradresse, da ich hier kein Domizil habe. Klarer Fall: postlagernd. Am Montag verlässt mein am Sonntag aufgegebenes Paket Bern und schon am Mittwoch trifft es, wie wir später erfahren, in der Hauptstadt Mexikos ein. Meine hoffnungsvollen Gänge zum Postamt bleiben aber erfolglos.

Nach einigen Tage weiss man zu Hause mehr: In Mexiko hat man herausgefunden, dass die Sendung nicht postlagernd, sondern nur persönlich zugestellt werden darf. Ausserdem fehle die Telefonnummer des Empfängers. Kein Problem; ich rufe TNT in Mexiko an, die Firma, welche sich inzwischen um mein Paket kümmert, und gebe dort die Adresse des Zeltplatzes bekannt, auf dem ich mich niedergelassen habe, und auch die Telefonnummer eines nahen Schreibwarenladen. Es fehlten noch einige Dokumente, erfahre ich am Telefon. Das Zollbüro werde mich dann morgen kontaktieren.

Das Wort "mañana" bedeutet in Mexiko allerdings nicht genau "morgen" sondern eher "frühestens morgen", was sich einmal mehr bestätigt: Zwei Tage später erhält mein Schreibwarenladen einen Anruf für mich, welchen man mir nicht weiterleitet. Am Montag, 25. Januar hake ich beim Zolldienst von TNT nach. Man warte auf einen Auftrag von mir, die Zollformalitäten zu erledigen, und ausserdem müsse ich eine Erklärung abgeben, dass ich die Ware nicht für kommerzielle Zwecke einsetzen werde. Wenige Stunden später übermittle ich die gewünschten Papiere per Telefax nach Mexiko. Dann wird es wieder ruhig um mein Paket.

Geld regiert die Welt

Am Mittwoch werde ich telefonisch auf den Donnerstag vertröstet, also frühestens Donnerstag. Und tatsächlich: Am Freitag, 25. Januar teilt man mir mit, meine Ware sei nun fertig geprüft. Ich müsse jetzt nur noch einen bestimmten Betrag, der ungefähr dem halben Paketwert entspricht, auf ein Konto überweisen, und schon würde ich meine Sendung erhalten. Nicht ganz glücklich über den neuen Budgetposten, beschliesse ich, die Summe am Montag zu transferieren.

Nicht nur der Zoll, auch die Migrationsbehörde will Geld von mir. An der Grenze in Tijuana habe ich im entscheidenen Moment nicht aufgepasst und eine Touristenkarte für nur 60 Tage ausgestellt erhalten. Diese Frist ist Ende Dezember abgelaufen, nachdem mir in Guadalajara, weil zu früh, eine Verlängerung verweigert worden ist, und ich andere Städte mit ensprechenden Behörden jeweils an Wochenenden und Feiertagen passiert habe. Trotzdem findet man in Oaxaca, ich hätte Gelegenheit gehabt, die Verlängerung rechtzeitg zu beantragen, und auferlegt mir eine Busse. Erst gegen die Quittung der Bank, die meine Einzahlung bestätigt, erhalte ich meine verlängerte Karte.

Babylon lässt grüssen

Zwar habe ich mir meinen Aufenthalt in Oaxaca etwas kürzer vorgestellt, doch langweilig wird es mir nicht. Schon auf dem Zeltplatz oder eher im Wohnwagenpark gibt es genug Abwechslung. Neben den üblichen englischsprachigen Amerikanern, die teils in Karawanen den Platz überfluten, schauen einige Franko-Kanadier vorbei. Aber auch Europäer sind auzutreffen: Ungefähr einmal pro Woche uebernachtet eine Busladung von Deutschen im Park. Deutsche und erstaunlich viele Schweizer sind auch jeweils zu zweit mit ihren mobilen Haushaltungen unterwegs. Und eines Abends komme ich sogar in den Genuss einer Dänischlektion bei meinen Nachbar(innen). Fuer mexikanische Akzente auf dem Platz sorgen der Aufseher und seine Familie und der Teppichhändler, der regelmässig vorbeischaut. Auch Mexikaner ist wahrscheinlich der Betrunkene, welcher eines Abends in die WC-Anlagen eindringt und auf den Warmwassertank klettert.

Abwechslungsreiches Rahmenprogramm

Auch Stadt und Umgebung haben einiges zu bieten. Auf einem Berg im Westen, dem Monte Alban, sind die Ausgrabungen der Zapoteken-Hauptstadt zu sehen: Plätze, Pyramiden, Gräber. Die Händler sind hier nicht so zahlreich wie in Teotihuacán und folglich weniger aufdringlich. Vom Huegel im Norden des Stadtzentrums mit dem Auditorium, einer Sendeanlage und astronomischen Einrichtungen hat man einen guten Ausblick auf Oaxaca mit seinem attraktiven Zentrum. Der grüne Zócalo (Hauptplatz) südlich der Kathedrale und einige umliegende Gassen sind für den Verkehr gesperrt. Die vielen Restaurants mit Sitzplätzen im Freien laden zum Verweilen ein.

Santo Domingo, eine weitere der vielen Kirchen, ist mit ihrem goldgeschmückten Inneren besonders prächtig. Im angrenzenden ehemaligen Kloster ist heute das Regionalmuseum untergebracht, in welchem eine Fülle von Informationen zu Kultur und Geschichte des Landesteils abwechslungsreich präsentiert werden. Im Hof des Museums entsteht ein botanischer Garten. Für einen Einkaufsbummel besucht man am besten den grossen Zentralmarkt am Stadtrand. Das Angebot ist breit, die Gassen zwischen den Ständen sind eng. Ich halte mich mit Käufen zurück, vor allem im Hinblick auf meine Weiterreise mit dem Fahrrad.

Hin und wieder bin ich, allein oder in Begleitung, auch abends unterwegs, schlürfe Alkoholisches in irgend einer Bar, schaue mir einen der spanisch untertitelten US-Filme an oder tanze mir bei 120 Kommerz-Schlägen pro Minute, vermischt mit kochenden Salsa-Rhythmen, die Füsse wund. Und schliesslich tauche ich noch als Gast in verschiedenen Englisch-Lektionen auf. Als ich eines Abends durch das Fenster eine Englischklasse der privaten Sprachschule beobachte, holt man mich kurzerhand herein und stellt mir Fragen. Etwas mehr Vorbereitungszeit habe ich für mein Referat bei zwei Mittelschulklassen. Meine Zuhörerinnen und Zuhörer stellen so viele Fragen zu meiner Reise, dass jeweils kaum Zeit bleibt, die Schweiz ins beste Licht zu rücken.

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© 2.3.1999 albano & team