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Hilfe, die Säcke kommen

albano, Medellín (Kolumbien) im Juni 1999

Schon in den ersten Wochen meiner Reise nimmt das Unheil seinen Lauf. Da in Amerika der Kunde grundsätzlich König ist, und die Kundin Königin, und angenommen wird, dass er oder sie möglichst wenig denken will, plant der umsichtige Selbstbedienungsladen, was an der Kasse mit den gekauften Waren geschieht.

Meist geschieht folgendes: Flinke Kinderhände füllen die Sachen in raschelnde Kunststofftaschen ab. Besonders heikle Artikel kommen vorher in eine eigene, kleinere Tasche. Und weil man den Säcken allgemein wenig Vertrauen schenkt, verteilt man den Inhalt lieber auf zwei von ihnen oder verpackt ihn gleich doppelt. Auf Wunsch wird dann der ganze Einkauf auch noch zum Wagen gebracht und verladen. Ist niemand zum Einpacken bereit, übernimmt die Person an der Kasse gleich selbst diese Aufgabe.

Nach wenigen Wochen stelle ich fest, dass ich viel weniger Taschen brauche als ich erhalte, denn diese stapeln sich in meinem Gepäck. Also versuche ich, Gegensteuer zu geben, zum Beispiel in Oaxaca. Ich nehme meine eigene Packtasche mit in den Laden. Natürlich werde ich vom Aufseher am Eingang zurückgepfiffen und muss das Behältnis bei der Gepäckaufbewahrung deponieren. Ich komme also an die Kasse und habe wieder keine eigene Tasche dabei. Als ich beim nächsten Mal die Einkäufe vor der Kasse zurücklasse, die Tasche abhole und dem Packer zum Füllen übergebe, schaut das Personal etwas verständnislos.

Manchmal nehme ich auch von jenen Säcken mit in den Laden, die ich bereits mit mir herumgefahren habe, und bitte, diese anstelle von neuen zu verwenden. Regelmässig kommen so die Packmaschinen ins Stottern. Nicht selten muss ich meine Bitte wiederholen und weitere Erklärungen abgeben, und der eingespielte Ablauf wird erheblich gestört. Eine weitere Variante ist schliesslich, die Waren, im Fall eines kleinen Einkaufs, ganz ohne Tasche hinauszutragen. Auch dies läuft in grossen Geschäften dem Konzept zuwider, denn der Sicherheitsmann am Ausgang könnte ja denken, man habe die Sachen nicht bezahlt, wenn man sie so offen mit sich herumträgt. Und dies gilt genauso für einen Trinkwasserkanister mit praktischem Henkelgriff in Panama.

Man hat es also in den amerikanischen Läden nicht leicht mit eigenen Ideen. Sie werden zwar geduldet, aber oft nur mit Bedenken umgesetzt. Und ein guter Kunde möchte schliesslich nicht jene Leute schikanieren, die für ihn ihr Bestes geben. Inzwischen habe ich denn noch eine andere Methode gefunden, die Sackflut unter Kontrolle zu halten: den beschleunigten Abbau. Nicht, dass die Taschen einfach so in den Abfall wandern würden. Nein, unterwegs treffe ich, besonders auf dem Land, ab und zu Menschen an, die noch nicht in einem Meer von Kunststoffsäcken schwimmen und die diese gerne für mich wiederverwenden.

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© 30.6.1999 albano & team