links
hoch
rechts

Und doch noch weiter

August, September in Ecuador

Draht und Funk - Geld oder Spray - Umgeben von Bergen - Stätdebau - Dorffehden

albano, Cusco (Peru) im Oktober 1999

Eine Stadt von der Grösse Quitos kann sich gut zwei Zentren leisten. Die Altstadt in der Stadtmitte besteht aus engen, steilen, verwinkelten Gassen. Man findet dort die günstigsten Hotels und Restaurants. Auf der Ebene nördlich davon befinden sich grosszügig angelegte Parks und dazwischen die Neustadt, der Tummelplatz für Touristen. Hier sind die Strassen etwas übersichtlicher und die Preise allgemein etwas höher. Unzählige Marktstände mit Handarbeiten aus dem ganzen Land säumen die Avenida Amazonas, die Hauptschlagader des Stadtviertels. Ebensoviele Reisebüros bieten Ausflüge nach Galapagos oder in den Dschungel an. Nein danke, da war ich erst gerade.

hoch Draht und Funk

Sehr zu schätzen hingegen weiss ich die ebenfalls allgegenwärtigen Internet-Anschlüsse. Die Konkurrenz zwischen den entsprechend ausgerüsteten Läden und Cafés ist gross, so dass eine Stunde am vernetzten Computer nur rund einen US-Dollar kostet. Seit Neustem kann man sich von einigen Apparaten aus auch übers Internet mit jedem beliebigen Telefonanschluss verbinden (net2phone), und dies zu einem Bruchteil der Kosten eines herkömmlichen Ferngesprächs. Die Preise überzeugen. Ich rufe wieder einmal meine Eltern an, aufs Schweizer Mobiltelefon, und erwische sie in Österreich. Die Verbindung gleicht eher einem Funkgespräch, und die Töne erreichen das Gegenüber etwas verzögert. Wenn aber nicht beide Teilnehmer gleichzeitig sprechen, funktioniert die Kommunikation ganz passabel.

An den Tagen, die ich allein in Quito verbringe, hause ich in einem günstigen Hotel zwischen den beiden Zentren. Mit dem Fahrrad komme ich schnell an die benötigten Dienstleistungen heran. Anfangs August muss ich jedoch einige Tage auf mein Gefährt verzichten, während dieses zu einem Kuraufenthalt in der Werkstatt weilt. Reinigen und Schmieren sind fällig, am Hinterrad müssen einige Speichen ersetzt werden, und der Sattel erhält einen neuen Überzug.

hoch Geld oder Spray

Diese Arbeiten sind bald abgeschlossen, doch inzwischen habe ich einen schillernden Menschen kennengelernt, so interessant, dass ich mich für einige Tage auf eine Wohngemeinschaft mit ihm einlasse. Eines späten Abends sind wir zu Fuss in den Strassen Quitos unterwegs und machen eine unerfreuliche Begegnung. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise haben es ein paar Spitzbuben auf meine Habseligkeiten abgesehen, doch sie lassen sich immer wieder neue Überraschungen einfallen.

Eine Gruppe von jungen Männern kommt uns entgegen. Ausweichen und Trennen nützen nichts. Einer von ihnen nähert sich mir, packt mich mit der Hand am Kragen, verlangt die Herausgabe meines Geldes und sprüht mir, Bruchteile von Sekunden später, eine dicke Ladung Tränengasspray ins Gesicht. Der tüchtige Fusstritt, den ich ihm daraufhin in seine Magengegend verpasse, überzeugt den Bösewicht von der Schwierigkeit seines Vorhabens, und er verschwindet, zusammen mit seinen Komplizen, von der Bildfläche.

Meine Augen brennen. Ich kann sie kaum mehr öffnen und taste mich zur nächsten Sitzgelegenheit vor. Gut, dass ich nicht allein bin. Meine Begleitung haben die Leute allerdings inzwischen um ihre Jacke erleichtert. Die Wirkung des Sprays lässt nur langsam nach. Die Rötungen im Gesicht verleihen mir für einige Stunden ein besonderes Aussehen, und noch am folgenden Tag spüre ich die Nachwirkungen des Übergriffs.

hoch Umgeben von Bergen

Meine jüngste Bekanntschaft hat ihre zahlreichen Schattenseiten, so dass mir der Abschied nicht allzu schwer fällt. Am Dienstag, 24. August schwinge ich mich, nach langem Unterbruch, wieder auf mein vollbepacktes Stahlross und pedale aus der Stadt hinaus Richtung Süden. Bis Ambato, wo ich übernachte und meinen Geldspeicher auffülle, sind nur wenige Aufstiege zu verzeichnen, doch danach machen sich die flachen Abschnitte wieder rar. Der Chimborazo und andere hohe Gipfel, an denen ich gemäss Karte vorbeifahre, hüllen sich in Wolkenschleier.

Am Donnerstag Abend fahre ich beim Eindunkeln durch ein dicht bewirtschaftetes Tal Richtung Guamote. Weit und breit ist kein einsamer Platz in Sicht, wo ich mein Zelt aufstellen könnte. Ich ziehe ein Fussballfeld in Betracht, doch schlage mich schliesslich einen halben Kilometer weiter vorne ins Gebüsch hinter einer hohen Strassenböschung. Bald entdecken mich die Hunde vom Haus auf der gegenüberliegenden Talseite, und wenig später treffe ich dessen Bewohnerin unten am Bach, um den mir angebotenen Kaffee in Empfang zu nehmen.

Noch drei Tage bis Cuenca. Ich bin immer noch auf einer der wichtigsten Verbindungsstrassen des Landes unterwegs, doch am Samstag gleicht diese in weiten Teilen eher einem Feldweg und führt zudem den ganzen Tag aufwärts. Es ist schon dunkel, als ich im Tambo ankomme, wo gerade wieder einmal ein Paar den Bund fürs Leben schliesst. Am folgenden Tag habe ich eine weitere Rampe zu bewältigen, und die ersten Kilometer der folgenden Abfahrt in dichtem Nebel sind nur mit viel zusätzlicher Kleidung erträglich.

hoch Stätdebau

Gegen Abend erreiche ich Cuenca. An der Tür des ersten Hotels, in dem ich vorsprechen will, stosse ich auf ein Vorhängeschloss. Das zweite ist nur zu Fuss erreichbar. Alle angrenzenden Gassen sind aufgerissen. Auch am Sonntag wird gschaufelt und gepickelt, trotzdem ziehen sich die Arbeiten über Monate hin, wie man mir sagt. Ich verweile einen Tag in der ansonsten freundlichen Stadt mit ihrer grossen Kathedrale. Da ich schon immer ein Anhänger der Vogelperspektive war, fahre ich am Nachmittag zum Aussichtspunkt bei der kleinen Kirche auf einem der umliegenden Hügel.

Obwohl mir nur noch fünf Tage in Ecuador verbleiben, entscheide ich mich für die schwierigere, aber interessantere Strecke durchs Gebirge, anstatt an die Küste zu wechseln. Die zähen Aufstiege werden mit grossartiger Aussicht belohnt. Je nach Höhenstufe ist die Nacht kalt oder schlagen die Insekten zu. Am Weg wird Geld gesammelt, denn in diesen Tagen pilgern viele Leute nach Loja.

hoch Dorffehden

Am Donnerstag erreiche ich die Stadt und fahre sogleich weiter bis San Pedro de la Bendita, nur ein Platz mit einigen Häusern darum herum. Auf der Suche nach Unterkunft gerate ich zwischen die Fronten der Dorfintrigen. Ein rühriger, alter Mann nimmt sich meiner an, empfieht mir das Esslokal seiner Frau und führt mich zur nicht zu übersehenden, einzigen Herberge. Andere Leute deuten mir hinter seinem Rücken an, ich solle mich vor besagtem Lokal in acht nehmen. Ich esse dort und habe keinerlei Probleme.

Tags darauf führt die Strasse durch Catacocha, hoch oben auf einer Bergkuppe gelegen, und dann hinunter ins Tal, wo mir am Abend in der Warenzollstation Unterkunft gewährt wird. Zwanzig der restlichen vierzig Kilometer bis zur Grenze werden erst gerade asphaltiert, was die Fahrt gehörig verlangsamt. Eine lange Abfahrt führt nach Macará, wo das Publikum nicht auf mich, sondern auf die Teilnehmer des ecuadorianisch-perunanischen Freundschafts-Autorennens wartet. Erst vor wenigen Monaten haben die beiden Länder unter internationaler Vermittlung ihren Grenzstreit vertraglich beigelegt. Verschiedene Begleitmassnahmen sollen die nachbarschaftlichen Beziehungen verbessern. In der Grenzstadt wandle ich meine restlichen Sucres-Münzen in Suppe, Brot und Früchte um und fahre dann zur nahen Zollstation. Nach genau sechzig Tagen im Land verlasse ich Ecuador am Samstag, 4. September.

hoch

© 24.10.1999 albano & team