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Meine Ersatzfamilie

Juli, August in Ecuador

Spezieller Empfang - Quito in Griffnähe - Taxi, Taxi - Eintritt ins Paradies - Schicksalsgemeinschaft ohne Versorgungsengpässe - Landgang - Fotoapparate im Dauerstress - Neue Gesichter - neuer Führungsstil - Tier und Mensch im Überfluss - Ein letztes Bad - Nasser Auftakt - Zimmerbezug - Rendezvous mit den Pirañas - Sumpf und Thermalwasser - Es darf gefeilscht werden

albano, Lima (Peru) im September 1999

hoch Spezieller Empfang

Eine Brücke verbindet die beiden Länder. Als ich auf der ecuadorianischen Seite ankomme, empfängt mich ein Polizist im grau gefleckten Tarnanzug und erklärt mir, dass es im Moment keine Transportmöglichkeiten gebe. Am etwas versteckten Schalter erhalte ich einen Stempel in den Pass und 60 Tage Aufenthaltserlaubnis. Auf dem Vorplatz stehen Leute herum, ebenso die Busse. Sie scheinen es nicht besonders eilig zu haben. Jemand ruft mir zu, ich soll wegen den Nägeln aufpassen.

Nach wenigen hunder Metern Fahrt auf der Panamericana, auf der ich seit Popayan wieder unterwegs bin, wird etwas klarer warum. Einige Männer versuchen, einen Baum beiseite zu schaffen, der quer über der Fahrbahn liegt, damit ein Wagen passieren kann. Es sind noch allerhand andere Dinge im Weg: Steine, Büsche, Autoreifen und scheinbar eben auch Nägel. Etwas später stosse ich sogar auf eine brennende, von Geröllhaufen gesäumte Karrosserie. Ein Armee-Fahrzeug sucht sich seinen Weg über den angrenzenden Erdwall, genau wie ich. Die Menge, die dem Treiben beiwohnt, deckt mich mit aufmunternden Zurufen ein. Die Militärs werden etwas weniger freundlich empfangen.

Ein Radfahrer, der mich ein Stück weit begleitet, klärt mich endlich auf: Die Regierung will mehr Steuern aufs Benzin schlagen. Teile der Bevölkerung, vor allem der ländlichen Urbevölkerung, protestieren dagegen und haben den Verkehr landesweit durch Blockaden lahmgelegt, und dies schon seit zwei Tagen. Vielerorts kann nicht gearbeitet werden, weil die Leute den Arbeitsplatz nicht erreichen. An verschiedenen Orten wird die Versorgungslage kritisch.

hoch Quito in Griffnähe

Mich stört der Streik nicht besonders. Ich habe noch einige Vorräte und sowieso noch kein ecuadorianisches Geld. Das Radfahren ist sogar besonders erholsam, denn es hat fast keinen Verkehr. Auch an den folgenden Tagen sind die Streikposten aktiv, allerdings mit abnehmender Intensität, während der Verkehr gegen die Hauptstadt hin zunimmt. Die Fahrzeuge tragen gegen die bereits erwähnten Nägel Äste vor den Reifen. Am Mittwoch stosse ich im heissen und trockenen Chota-Tal etwas unerwartet auf Dörfer mit fast ausschliesslich schwarzer Bevölkerung. Auf den Feldern sind die Leute mit der Zuckerrohrernte beschäftigt. Ebenfalls unerwartet muss ich eine gebrochene Schraube am hinteren Gapäckträger ersetzen. Vor Ibarra steigt die Strasse wieder an. Die Nacht verbringe ich auf einem Hügel vor der Stadt mit Aussicht über das ganze Tal. Es bleiben noch rund 130 Kilometer bis Quito, welchen ich am Donnerstag zu Leibe rücke. Es wird allerdings ein langer Tag.

Nach Ibarra schliesst sich mir ein junger Mountainbike-Fahrer an, der heute seinen freien Tag hat. In Otavalo gesellt sich dann noch ein Wachmann auf seinem Arbeitsweg zu uns, und wir meistern den folgenden Aufstieg zu dritt. Auf der Passhöhe trennen sich, nach gemeinsamem Mittagessen, unsere Wege wieder. Ich habe zwei recht tiefe Täler zu durchqueren, und dann folgt der Schlussaufstieg in die Hauptstadt, langgezogen, auf einer Hochebene zwischen Bergen angesiedelt. Beim Eindunkeln erreiche ich den Stadtrand, doch es folgen weitere Steigungen und ein langer flacher Abschnitt, bevor zwei Stunden später endlich das Zentrum erscheint.

hoch Taxi, Taxi

Am nächsten Morgen beginne ich Katja zu suchen, welche ihre Ferien in Ecuador verbringt. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und haben uns lange nicht gesehen. Ich weiss zwar nicht genau, wo sie hier wohnt, aber am Nachmittag treffe ich sie in ihrer Sprachschule an. Wir haben uns viel zu erzählen.

Frühmorgens am Samstag kommen dann auch noch Katjas Eltern auf dem Flughafen an. Der Streik dauert weiter. Zwar gibt es keine Strassensperren mehr, aber die Berufsfahrer bleiben mehrheitlich zu Hause, und es verkehren keine Busse und Taxis. An deren Stelle karren Kleinbusse und -lastwagen die Leute in der Stadt herum. Die wenigen Taxis, die trotzdem verkehren, sind schwer zu finden und meist besetzt. Trotz den Erschwernissen gelingt es uns bis zum Abend, alle Gepäck- und Personentransporte erfolgreich abzuschliessen. Die Eltern bringen mir einige wichtige Dinge aus der Schweiz mit, darunter meine neue Kreditkarte. Und auch an Schokolade haben sie gedacht. Gut, dass die Lebensdauer der Kreditkarte nicht so kurz ist, wie jene der Schokolade.

hoch Eintritt ins Paradies

Am Sonntag, 11. Juli heben wir gemeinsam ab, und dies wörtlich. Wir fliegen zunächst in den Süden des Landes, nach Guayaquil, und geniessen dabei die Aussicht auf die schneebedeckten Fünf- bis Sechstausender. Die zweite Etappe führt uns rund tausend Kilometer in den Pazifischen Ozean hinaus, auf die Galapagos-Inseln. Als wir auf dem Flugplatz auf der Insel Baltra ankommen, wartet bereits mindestens eine Flugzeugladung von Leuten auf den Abflug.

Wir stehen geduldig Schlange, um die Eintrittsgebühr in den Nationalpark von hundert US-Dollars zu entrichten. Als es auch für mich so weit ist, will der Schalterbeamte vorerst nichts von meinen Reisechecks wissen. Eine ganze Gruppe von Besuchern mit dem gleichen Zahlungsmittel und die Quittung der ausstellenden Bank stimmen ihn schliesslich doch noch um. Eine kurze Busfahrt bringt uns zum Hafen, und bald schon sitzen wir vier zusammen mit den anderen Passagieren auf unserem Boot. Der Führer erklärt uns sogleich die Verhaltensregeln an Bord und auf den Inseln - auf Englisch, versteht sich.

hoch Schicksalsgemeinschaft ohne Versorgungsengpässe

Die Rundreise auf den Inseln dauert eine Woche. Der Flug von Quito aus und zurück kostet umgerechnet fast 400 Euro, unsere Bootsfahrt kommt etwa auf 600 zu stehen; Beträge jenseits meines normalen Budgets. Wenigstens ist so eine Woche lang für Unterkunft und Verpflegung gesorgt. Unser Schiff heisst San Juan. Von der Plattform am Heck, auf welcher während der Fahrt das kleine Beiboot Platz findet, gelangt man direkt in den Aufenthalts- und Essraum. Gleich daneben die Ein-Mann-Küche. Von hier aus führen Treppen hinunter zu den sechs Zweierkabinen für die Passagiere und hinauf aufs Deck und zu den Mannschaftsräumen.

Die Besatzung besteht aus fünf Mann, und es sind elf Passagiere an Bord. Der Zwillingsbruder des Holländers musste wegen einem Unfall seine Teilnahme verschieben. Die restlichen Gäste sind deutscher Zunge. Wir zählen eine Österreicherin, einen Österreicher, eine Deutsche und ganz viele Schweizer. Die meisten von ihnen sind so um die dreissig Jahre alt. Man beschnuppert sich, und bald stellt sich eine zurückhaltend-positive Grundstimmung ein.

Dazu mag beitragen, dass es für alle genug zu essen gibt. Obwohl die Seeluft und die Aktivitäten während des Tages den Appetit beleben, werden die Teller nicht immer leergegessen, vielleicht wegen dem langsamen Schaukeln des Schiffs, das auch mich an den ersten beiden Tagen unangenehm im Magen kitzelt. Die anderen überlassen die Essensresten freundlicherweise mir. Und auch aus der Küche ist bei Bedarf Nachschub zu haben. So komme ich problemlos zu den rund zwei Portionen, die ich brauche, um später wieder Fahrrad und Gepäck durch die Landschaft zu bewegen. Natürlich glauben die anderen nicht ganz, dass ich wirklich so viel essen muss, und können sich entsprechende Sprüche nicht immer verkneifen.

hoch Landgang

An den ersten drei Tagen sind wir zwischen den Inseln Santa Cruz, Santiago und Isabela unterwegs. Schon bei der Landung am ersten Tag scheint die Vielfalt von Tieren überwältigend. Bevor wir am nächsten Tag mit dem Beiboot auf der kleinen Insel Bartolomé landen, sichten wir zwei putzige Galapagos-Pinguine auf den Felsen. Wir gelangen dank Landesteg trockenen Fusses ans Ufer und erklimmen den Aussichtspunkt. Von hier aus erhält man einen guten Überblick über die erstaunlich karge Landschaft, auch der nahen Insel Santiago. Die Felsnadel (Pinaculo), die in der Bucht neben unserer Wohnung aus dem Wasser ragt, weckt Erinnerungen an Postkarten und Reiseliteratur.

Am Nachmittag gehen wir auf Santiago an Land, diesmal am Sandstrand und nass, wie es heisst. Der Ausdruck bezieht sich, wenn man richtig aus dem Boot steigt, nur auf die Füsse. Auf unserem Spaziergang entlang der Küste stossen wir vor allem auf schwarze Meeresleguane, welche dicht gedrängt die Felsen bevölkern, auf Seelöwen, die sich im Sand an der Sonne aalen, und auf Scharen von roten Klippenkrabben. Die Tiere haben keine Angst vor den Eindringlingen. Sie würden sich sogar berühren lassen, das ist aber strenstens verboten.

hoch Fotoapparate im Dauerstress

Unter anderem fordern die Regeln auch, dass die Besuchergruppe immer zusammen bleibt, und zwar innerhalb der mit schwarz-weissen Pflöckchen markierten Wege. Unser Führer toleriert keine Übertretungen. Das bekommen vor allem die Fotografen unter uns - und das sind fast alle - zu spüren. Schliesslich möchte jeder die Flamingos, die wir am Dienstag auf der Insel Rábida treffen, formatfüllend ablichten. Auch die nistenden Pelikane, die als nächstes auf dem Programm stehen, können kaum gross genug im Bild sein. Einige Besucher sind für alle Situationen bestmöglichst ausgerüstet. Dafür schleppen sie kiloweise Fotoausrüstung mit sich herum.

Am gleichen Tag treffen wir in Puerto Ayora auf der Insel Santa Cruz ein, ein recht verschlafenes Städtchen. Der Betrieb im Ort steht und fällt mit dem Tourismus. Die eine Diskothek ist fast leer. Einige Leute spielen Billard. In der anderen tanzen Kinder und Eltern, welche etwas später auf ihr Schiff zurückkehren. Es bleiben wenige Einheimische an der Bar und eine leere Tanzfläche.

Am Mittwoch nehmen wir Santa Cruz unter die Lupe, sehen Krater und Lavatunnel und versuchen, verschiedene Darwin-Finken zu unterscheiden. Am Nachmittag besuchen wir die Riesenschildkröten auf der Darwin-Forschungsstation. Die meisten von ihnen hängen nur faul im Schatten der Büsche in ihrem Gehege herum, doch eine von ihnen erkennt den Tourismus als wichtige Finanzierungsquelle für die Arterhaltung und schleppt sich und ihren mächtigen Panzer extra für uns mühsam von einem schattigen Plätzchen zum anderen - Hochbetrieb für die Fotoapparate.

hoch Neue Gesichter - neuer Führungsstil

Nach diesem Ausflug räumt der Fremdenführer das Feld für seinen Nachfolger, doch wir werden ihn nicht so schnell vergessen, denn noch Tage später imitieren wir überspitzt seine Gewohnheit, an die englischen Wörter hie und da ein S zuviel anzuhängen. Ausserdem stösst der zweite Holländer zu uns, und die Österreicher tauschen wir gegen US-Amerikanerinnen ein, zwei neue Chancen für die charmanten Besatzungsmitglieder. Nun kristallisiert sich beim Essen ab und zu am kleineren der beiden Tische eine Insel der Nichtdeutschsprachigen heraus.

Der neue Führer kann besser auf die Leute eingehen und kommt auch deutlich besser an, und dies nicht nur, weil er ab und zu in Sachen Gruppen- und Wegzwang ein Auge zudrückt. Er wirkt auch als Animateur, zum Beispiel beim Spaziergang am Donnerstag auf der Insel Floreana, als wir am Strand auf eine Astgabel stossen, die flach aus dem Sand ragt. Jung und Alt folgen seinem Beispiel und versuchen, möglichst lange auf dem Stück Holz zu balancieren.

Der Besuch der berühmten Posttonne auf der gleichen Insel, früher Kommunikationszentrum der Seefahrer, heute hauptsächlich Besucherattraktion, ist natürlich Pflicht. Einige von uns hinterlassen Postkarten und nehmen, wie dies üblich ist, Post für andere Leute nach Hause mit. Ebenfalls auf Floreana spielen wir Fussball im Sand. Leider hat es auch einige Steine im Spielfeld, was meinen Füssen nicht so gut bekommt.

hoch Tier und Mensch im Überfluss

Zwischen den zahlreichen Landgängen haben wir oft Gelegenheit, die Unterwasserwelt auf den Riffen schnorchelnd zu erforschen. Ich verpasse sowohl die Schildkröte wie auch den Hammerhai, die andere unserer Gruppe sichten. Was übrig bleibt, ist aber immer noch genug, um die Exkursionen als atemberaubend zu bezeichnen.

Unser Programm ist wirklich nichts für Faulpelze. Zunächst halten wir es für einen Scherz, doch am Freitag werfen wir uns tatsächlich um halb sieben ohne Frühstück im Magen in die Schwimmwesten und landen auf der Insel Española. Leider hatten die Gruppen der anderen Schiffe die gleiche Idee, und zumindest am Landesteg herrscht das übliche Gedränge. Natürlich wälzen sich auch hier Seelöwen im Sand; mittlerweilen für uns ein gewohntes Bild.

Auf unserem Rundgang fallen aber noch mehr die allgegenwärtigen Tölpel auf, vor allem die Blaufusstölpel. Ihre markanten Pfiffe begleiten uns auf dem ganzen Weg. Sie schrecken auch nicht davor zurück, ihre Nester mitten auf dem abgesteckten Pfad zu bauen. Ihre Kulleraugen und die tollpatschigen Bewegungen machen sie irgendwie sympathisch. Die wenigen Albatrosse wirken dazwischen geradezu majestätisch. Wir könnten den Vögeln stundenlang zuschauen, müssen uns aber jeweils mit einigen Minuten begnügen.

Zwischen den Inseln sind wir kurze oder längere Zeit mit dem Schiff unterwegs. Nur selten müssen wir aber lesend oder tatenlos auf dem Sonnendeck liegen. Meist gibt es etwas zu sehen, sei es ein Thunfisch, der an der Angel angebissen hat und den die Mannschaft zum Schlachten an Bord zieht, sei es eine Schule von Delphinen, die zufällig unseren Weg kreuzt. Ein andermal lockt der Koch mit einem Stück Fleisch eine Schar von Fregattenvögeln an, welche dann, die Delikatesse im Visier, eine ganze Weile direkt über unseren Köpfen dahinsegeln.

hoch Ein letztes Bad

Der Samstag vergeht mit weiteren Insel-Besuchen. Am späten Abend realisieren Katja und ich ein nasses Vorhaben. Die Idee, eine Runde um das Schiff zu schwimmen entsteht aus einem Missverständnis, doch schliesslich steigen wir beide ins nicht ganz warme Meerwasser und stellen so den Humor unseres Führers auf die Probe, der sich zwar etwas verwundert, aber ohne zu zögern bereit erklärt hat, nochmals aufzustehen und uns während unserem Spaziergang im Auge zu behalten. Wir staunen nicht schlecht, dass all unsere Bewegungen im Wasser ein Leuchten erzeugen, ein Effekt, der scheinbar von Mikroorganismen erzeugt wird. Inzwischen sind die Schichtwolken verschwunden, und der Abend zieht sich durch Beobachtungen des Sternhimmels abermals in die Länge.

Am nächsten Tag steigen wir wieder ins Flugzeug, dass uns zurück nach Quito bringt. Auch unsere beiden Amerikanerinnen schaffen es in letzter Minute, zwei Plätze auf der gleichen Maschine zu erhalten. Die beiden Nächte in der Hauptstadt verbringen wir dank Katjas Beziehungen in einer geräumigen Privatwohnung, deren Besitzerin im Moment ihrerseits in den Ferien weilt.

hoch Nasser Auftakt

Am Dienstag, 20. Juli sitzen wir schon wieder im Flugzeug, und diesmal landen wir in Coca, Puerto Francisco de Orellana mit offiziellem Namen. Als wir aus der Kabine steigen, schlägt uns heisse, stickig feuchte Luft entgegen, und bald schon giesst es wie aus Kübeln. Dies ist hier nichts besonderes, denn wir befinden uns östlich der Anden am Rande des riesigen Amazonas-Beckens im tropischen Klima. Wir finden in der Eingangshalle eines Hotels Unterschlupf.

Wenig später hat sich das Wetter beruhigt, und unsere Organisatoren bringen uns und etwa fünfzehn weitere Personen, die das gleiche vorhaben wie wir, zu den beiden Booten, lang und schlank, mit mehreren Zweierplätzen hintereinander ausgerüstet. Die Plätze auf unserem Boot sind überdacht, aber Katja und ich erwischen die vorderste Sitzbank. Es hängen immer noch dicke, graue Wolken am Himmel, und der nächste tropische Regenguss lässt nicht lange auf sich warten. In voller Fahrt entpuppt sich der Regenschirm als einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände. Auch die Wegwerf-Ponchos von Schweizer Grossverteiler leisten gute Dienste. Unterdessen schieben uns die beiden Aussenbordmotoren gut hundert Kilometer auf dem Napo flussabwärts.

hoch Zimmerbezug

Nach einem Verpflegungshalt winden wir uns einen ruhigen Seitenarm hinauf, vorbei an Luftwurzeln und dichtem Baum- und Buschwerk, umgeben vom Zwitschern und Zirpen der Tiere. Bald erreichen wir die Lagune von Pañacocha und unsere Hüttensiedlung an deren Ufer. Schon von weitem ist der hölzerene Aussichtsturm zu sehen, der um einen Baumriesen herum gezimmert wurde. Von dort oben sieht man einige Kilometer weit über die Kronen hinweg und kann das Leben in den oberen Etagen des Regenwaldes, besonders die zahlreichen Vögel, viel besser beobachten als vom Boden aus.

Es dauert eine Weile, bis allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Platz in einer der Wohnhütten zugeteilt ist und bis die Betten unserer schwedischen Nachbarn mit Moskitonetzen ausgerüstet sind. Ein weiterer Tag wird vergehen, bis die Holländerinnen ihre Kissen erhalten haben. Es gibt die geräumigen Zweierhütten und die Gemeinschaftshütten mit mehreren Zweierzimmern, alle mit WC und Dusche ausgestattet. Die Bauten stehen auf Stelzen. Nur so ist dem lästigen Kleingetier einigermassen Paroli zu bieten. Die Hängematten auf den Veranden animieren zum Faulenzen. Es nachtet ein. Die Geräuschkulisse wandelt sich. Die Mücken werden aggressiver. Das Stromnetz ist weit entfernt. Die Dunkelheit wird mit romantischem Kerzenlicht bekämpft. Bald ertönt das weitherum hörbare, dumpfe Tuten der Muschel, welche über dem Eingang zum Gemeinschaftskomplex hängt - das Zeichen zum Abendessen.

hoch Rendezvous mit den Pirañas

Am Mittwoch gehen wir in kleineren Gruppen im Dschungel auf Entdeckungsreise. Wir unternehmen zuerst eine weitere Flussfahrt. Es geht bedächtig vorwärts. Wir halten immer wieder an, um Tiere zu beobachten, welche unsere einheimischen Führer mit geübten Augen in der dichten Vegetation ausmachen. Als Höhepunkt fischt einer von ihnen eine junge Anaconda aus den Ästen. Wer kann, fotografiert.

Als wir festen Boden betreten, wird zuerst das mitgeführte Mittagessen an die Gäste verteilt. Es folgt ein mehrstündiger Spaziergang durch den Wald mit seinen vielen für uns ungewohnten Pflanzen. Selbstverständlich treffen wir auch Ameisen an. Die grossen, welche über einen Zentimeter lang werden, sollen wir besser nicht zu streicheln versuchen, sagt man uns, die kleinen, welche nach Zitrone schmecken, dürfen wir aber kosten. Auf dem Rückweg erhalten wir Gelegenheit zu einem Bad im trüben Wasser. Wer will, kann von der schwingenden Liane aus hineinspringen. Die Pirañas werden ihrem Ruf nicht gerecht und knabbern niemanden an. Das rohe Fleisch allerdings, mit dem wir sie etwas später ködern wollen, fressen uns die Biester konsequent von den Angelhaken, ohne sich fischen zu lassen.

hoch Sumpf und Thermalwasser

Tags darauf unternehmen wir einen Fussmarsch direkt vom Lager aus. Der Führer zeigt uns eine Vielzahl von Pflanzen und erklärt deren Verwendung. Es scheint für alle Errungenschaften der Zivilisation eine natürliche Urwaldalternative zu geben, so auch für den Lippenstift und für die Abtreibungspille. Weiter steht die Durchquerung eines Sumpfes auf dem Programm. Ausgelegte Palmblätter und Baumstämme bieten Halt, doch diese im Morast zu finden, ist auch mit den mitgeführten Stöcken nicht einfach. Trotz Einerkolonne und kundiger Führung versinkt der eine oder andere von uns bis zu den Knien oder noch tiefer im Schlamm, jedenfalls weit über den Rand der Gummistiefel hinaus.

Die Rückfahrt flussaufwärts zurück nach Coca dauert einiges länger als die Hinfahrt. Sie füllt einen Grossteil des Freitags aus. Weiter geht es am Samstag mit dem Bus Richtung Quito, ebenfalls fast den ganzen Tag, über holprige Schotterpisten. Die Nacht verbringen wir hoch oben in Papallacta und gönnen uns ein paar Bäder im Thermalwasser, bevor wir in die Grosstadt zurückkehren.

Ich verbringe einige Tage allein in Quito und versuche, mich für die Weiterreise per Fahrrad vorzubereiten, doch der Abschied ist noch nicht zwingend. Meine Ersatzfamilie ist immer noch im Land und nimmt mich auch noch mit auf ihren Abstecher nach Otavalo. Die Stadt liegt nördlich, ebenfalls im Gebirge, und ist bekannt für ihre Handarbeiten und ihre Märkte.

hoch Es darf gefeilscht werden

Wir kommen am Freitag, 30. Juli nach zweistündiger Busfahrt an. Der eigentliche Markttag ist der Samstag, doch auf der Plaza de Ponchos stellen die Händlerinnen und Händler täglich ihre Stände auf. Wir schlendern fast den ganzen Nachmittag durch die üppigen Auslagen von Pullovern, Tischtüchern, Tragtaschen und vielem mehr. Natürlich erwerben wir auch das eine oder andere Stück, immer Gewicht und Volumen des Reisegepäcks im Auge behaltend. Beim Kauf ist Feilschen fast Pflicht. Der Verkaufspreis scheint sich bei etwa zwei Dritteln des Erstgebotes einzupendeln.

Am Samstag herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Marktstände säumen nun auch viele Gassen. Im Angebot steht mehr vom Gleichen, und die Stadt quillt vor Besuchern fast über. Nur für Frühaufsteher ist der wuselige Viehmarkt am Stadtrand. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander von Mensch und Tier. Der Duft von gefülltem Schweinebraten vermischt sich mit jenem der tierischen Ausscheidungen. Bevor wir am Sonntag erneut nach Quito zurückkehren, unternehmen wir eine geführte Rundfahrt durch die umliegenden Dörfer und sehen den Leuten beim Spinnen, Weben, Flechten zu. Man lässt uns auch an die Webstühle und zeigt uns mit viel Geduld, wo welcher Faden durchgeschlauft werden muss, damit die schönen Muster und Bilder auf den Wandteppichen entstehen. Auch hier steht die Ware zum Verkauf.

Anfangs August kommt dann doch der Abschied, wenigstens stufenweise. Ein letztes gemeinsames Abendessen, und am Dienstag fliegen Katjas Eltern mit meinen belichteten Filmen wieder Richtung Norden. Katja bleibt noch einige Wochen im Land und fährt am Mittwoch mit dem Bus in den Süden. Ich will in die gleiche Richtung, aber mit dem Fahrrad, und dieses ist noch nicht besonders fahrtüchtig.

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© 21.9.1999 albano & team