Jump and Run im Intercity

Eine abenteuerliche Zugfahrt in der Schweiz

albano, Bern (Schweiz) im Mai 2001

Nun bin ich seit rund einem halben Jahr wieder sesshaft und verdiene als anständiger Angestellter meine Brötchen und meine Telefongebühren. Und dies erst noch in der Schweiz mit ihren goldenen Uhren und ihrem ewigen Schnee. Muss echt langweilig sein, könnte man meinen. Denkste! Mit genügend Phantasie lässt sich auch hier angenehm abenteuerlich leben. Letzten Sonntag beispielsweise sah ich mich mit einem Spezialauftrag besonderer Güte konfrontiert. Lara Croft wäre erblasst vor Neid, hätte sie davon erfahren.

Da sitze ich also im Intercity kurz vor Bern, und plötzlich erhalte ich von der Einsatzzentrale den Hinweis, dass drei Terroristen in Schwarz im Gepäckwagen in wenigen Minuten einen Anschlag auf das rote Rennrad von Bundesrätin Dreyfuss verüben wollen. Diesen gelte es mit allen Mitteln zu verhindern, und nur ich könne dies noch schaffen. Natürlich - der Gepäckwagen ist am anderen Ende des Zuges. Ich bin nicht gerade gut ausgerüstet: leichter Helm und als einziges Offensivgerät eine Fahrradpumpe. Wenigstens trage ich die schnellen Plattenschuhe. Die sind aber auch nicht gerade leise.

Kurzentschlossen reisse ich mich aus dem Sitz und presche los Richtung Gepäckwagen. Der Zug ist fast voll belegt. Die Leute richten verdutzt ihre Blicke auf mich, sobald sie meine Schuhe klicken hören. Noch knapp drei Minuten. Bevor ich das Wagenende erreiche, muss ich den Mann mit der Minibar zur Seite stossen und über sein Gefährt klettern. Ich stecke ein Orangina und eine Flasche Dôle ein, die mir später noch nützlich sein könnten. Im nächsten Wagen kommt mir eine alte Frau in weissem Gewand entgegen. Ich lasse sie besser in Ruhe, denn ihre Blicke können versteinern. Also verdrücke ich mich in ein Abteil und lasse sie vorbeiziehen. Als ich dem Mädchen mit Zöpfen und Sommersprossen auf dem Sitz neben dem Ausgang zum Spass mit meiner Pumpe eins über den Schädel ziehe, stösst dieses einen spitzen Schrei aus. Der Herr gegenüber lässt vor Schreck sein Goldfischglas fallen. Den Fisch nehme ich mit.

Die Tür zum nächsten Wagen ist verschlossen. Im WC nebenan finde ich eine Kiste mit Handgranaten, die ich natürlich auch mitnehme. Aber für das Türproblem findet sich eine raffiniertere Lösung: der Schaffner, der inzwischen eingetroffen ist, tauscht seinen Vierkantschlüssel gegen meinen Wein ein - und auf geht die Tür. Noch knapp zwei Minuten verbleiben mir. Ich bin nun im Speisewagen und muss zuerst den bösen Barkeeper überwältigen. Dieser wirft mit Gläsern nach mir, die ich mit meiner Pumpe gekonnt in der Luft abfange. Ich werfe eine meiner Granaten. Diese hinterlässt einen ziemlich grossen schwarzen Fleck, und der Barmann ist verschwunden. Ich fühle mich nach der Explosion etwas schwach und gönne mir ein kräftespendendes Orangina. Danach geht es sofort weiter. Ich darf keine Zeit verlieren. Gekonnt umdribble ich die Bistrottischchen. Leider trete ich ein kleines Hündchen, das erschrocken vom Schoss seines Frauchens gesprungen ist. Ich muss eine Schelte von der Frau über mich ergehen lassen und verliere wertvolle Sekunden.

Nun kommen noch zwei Wagen erster Klasse. Zum Glück gibt es hier einen Teppichboden. Ich gehe trotzdem vorsichtig, um die gutbetuchten Fahrgäste nicht mit meinen Schuhplatten zu belästigen. Die meisten Leute nehmen gar nicht Notiz von mir, aber etwa in der Hälfte des zweiten Wagens baut sich ein angetrunkener Japaner vor mir auf und grinst mir ein «Beautiful Switzerland» zu. Ich ramme ihm meine Pumpe in den Unterleib, und er wiederholt grinsend und mit starkem japanischem Akzent: «Beautiful Switzerland.» Dann übergebe ich ihm meinen Goldfisch. Er weicht zur Seite, verneigt sich leicht vor mir und sagt: «Beautiful Swiss Fish.» So ein Trottel; nun bleiben mit noch gerade fünfzig Sekunden.

Letzter Passagierwagen. Wenn das nicht auffällig ist: Da sitzen zwei grossgewachsene Männer in Schwarz inmitten einer Schulklasse. Ich schleiche mich von hinten an und ziehe den beiden Typen kräftig eins über die Rüben. Fehlalarm! Zwei Fussbälle purzeln zu Boden. Die Kinder scheinen Terrorist und Geheimagent gespielt und sich Puppen gebastelt zu haben. Nun nähert sich von hinten wieder die Hexe mit dem bösen Blick. aber ich muss sowieso schleunigst in der Gepäckwagen, um dem echten Bösewicht das Handwerk zu legen. Soll ich die Tür mit dem Dreikant abschliessen? Nein, sagt mir mein Instinkt.

Und dort steht er nun; mitten im Gepäckwagen, und er hat gerade einen ganzen Benzinkanister über den Fahrrädern ausgeschüttet. Die letzten paar Liter hat er über sich selbst gegossen. Offenbar ein Selbstmordkommando. Er wirft mit dem Kanister nach mir, und ich weiche aus. Dann zieht er ein Feuerzeug hervor und schreit: «Verflucht seien alle Fahrräder.» Wahrscheinlich ein Autokonstrukteur. Meine drei Handgranaten nützen mir jetzt wenig. Aber da tritt meine Freundin, die Zauberfee, in den Wagen. Ich dränge mich an die Wand und lasse sie passieren. Der Attentäter schreit: «Keinen Schritt weiter,» und im selben Moment erstarrt er zu einer festen Masse. Die Frau geht durch seine Überreste hindurch und verschwindet durch die Tür am anderen Ende des Wagens.

Inzwischen ist der Zug am Bahnhof eingetroffen. Die Sicherheitsbeamten auf dem Bahnsteig versuchen vergeblich eine Frau aufzuhalten, welche auf den Gepäckwagen zustürzt. «Du lieber Himmel! Wie geht es meinem roten Fahrrad?», ruft die Magistratin. Ich überreiche ihr das Gefährt, und sie strahlt vor Freude. «Sie haben Grosses getan,» sagt sie zu mir. Als Zeichen ihrer Dankbarkeit überreicht sie mir einen violetten Button mit der Aufschrift «Frauenstreik». Ausserdem erlässt sie mir für ein ganzes Jahr die Krankenkassenprämien. Die Leute auf dem Bahnsteig werfen ihre Hände in die Luft und jubeln mir zu.

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