Dunkle Nebenstrassen

Mit dem Taxi durch Bogotá

albano, Tumbes (Peru) im Juni 2000

Nach genau einem Jahr bin ich wieder zu Besuch in Bogotá. Inzwischen hat sich die Sicherheitslage im ganzen Land weiter verschlechtert. Im Feld sind Regierungstruppen, Paramilitärs und die verschiedenen Guerrilla-Fronten fast täglich in Kampfhandlungen verwickelt, während in den Städten die Gewaltkriminalität ständig zunimmt.

Diesmal bin ich per Bus angereist und das letzte Stück bis zu meiner Gastgeberin im Taxi. Auch die Taxis seien alles andere als sicher, warnt man mich. Besonders nachts sei es gar keine gute Idee, allein in eines einzusteigen, in dem bereits ein Beifahrer sitzt. Es könne so leicht passieren, dass man in eine dunkle Seitengasse gefahren werde und dann ganz schnell alle Sachen los sei, welche sich irgendwie in Geld umwandeln lassen. Zu diesen Sachen gehörten übrigens auch Plastikkarten, da die Diebe mit überzeugenden Argumenten auch die nötigen PIN-Codes aus ihren Opfern herausholten.

Aber auch ein Taxi nur mit Fahrer und Fahrgast sei keine Garantie für einen sorgenfreien Transfer. Der Trick sei ganz einfach: Man werde erneut in eine schlecht beleuchtete Strasse gefahren, wo sich blitzschnell und synchron durch beide Hintertüren zwei Unbekannte zum Reisenden gesellen würden, dies mit dem gleichen Resultat wie oben. Um einigermassen sicher zu gehen, müsse man sich den Wagen per Telefon bestellen und sich die angegebene Nummer merken.

Es ist Mittwoch Abend. In einer knappen Stunde will ich Bogotá wieder auf dem Landweg verlassen. Meine Bekannte ruft beim Taxidienst an, und wenige Minuten später steht das bestellte Taxi vor der Tür. Trauriger Abschied, wie immer von guten Freunden. Der Wagen ist gelb und sauber beschriftet, doch der Fahrer hinterlässt einen zweifelhaften Eindruck: lockere Kleidung, etwas schräger Blick. Während er meinen Rucksack im Kofferraum verstaut, frage ich ihn nach seiner Kontrollnummer, worauf er mich fragt, welche Nummer ich denn erhalten habe. Ich sage sie ihm, er nickt, und wir steigen ein.

Wo ich hin wolle. Zum Busbahnhof, bitte. Ich ärgere mich, weil ich nicht weiss, wie ich mit der mir zugeteilten Nummer hätte umgehen sollen, um die Identität des Fahrzeugs zu überprüfen. So hätte mich ja jedes beliebige Taxi abholen können. Wenigstens sind die Türen verriegelt.

Der Chauffeur tippt einige Ziffern in eine Leuchttastatur, setzt seinen Taxizähler in Gang und fährt los. Er schlägt einen merkwürdigen Weg ein. Über Funk gibt er Position und Fahrziel bekannt. Aus der Anlage ertönt eine männliche Stimme, welche die Daten bestätigt und noch einige Sätze mehr durchgibt. Der Fahrer flüstert verschwommen etwas ins Mikrofon. Habe ich ihn schmunzeln sehen? Der Gesprächspartner antwortet wieder. Die wenigen Wortfetzen, die ich verstehe, ergeben keinen Sinn.

Für meinen Geschmack sind wir immer noch auf Abwegen, da hält der Mann am Steuer plötzlich mitten auf der Strasse vor einem Spital an, hat wieder seltsamen Funkkontakt und späht aus dem Fenster. Was ist los? Aha, ein rotes Lichtsignal. Und weiter geht's. Der Fahrer verrichtet stumm seine Arbeit. Wir drehen mal rechts und mal links ab. Ich habe das Gefühl, wir gondeln kreuz und quer durch die Stadt. Und soeben haben wir doch eine U-förmige Schlaufe gedreht.

Beunruhigt halte ich nach Beschilderung Ausschau: Strasse 49, Strasse 50. Die Richtung könnte stimmen. Wieder einmal Funkkontakt. Da biegt der Chauffeur rechts in eine dunkle Nebenstrasse ein und verlangsamt die Fahrt. Danach dreht er links und wieder rechts in die Hauptstrasse. Er hat eine Kreuzung mit Lichtsignal umfahren. Nun sind wir auf einer Art Schnellstrasse und kurven um Häuserblocks herum.

Endlich, als linkerhand die Flutlicher der Busbahnhofs auftauchen, fragt mich mein Fahrer, mit welchem Bus ich denn reisen werde und wie lange die Fahrt dauere. Und aus welchem Land ich überhaupt stamme. Wir halten vor dem Hauptgebäude. Der Schalter meiner Busgesellschaft sei gleich beim Eingang geradeaus, sagt er, als ich die Fahrt bezahle.

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