Fankreich oder Brasilien?

Impressionen eines Fahrers an den 24 Heures Cyclistes von Bulle

Geschrieben für die Mitteilungen des Cyclists-Club Bern.

albano, Bern (Schweiz) im Juli 1998

Sonntag, 12. Juli, Viertel nach zwei Uhr. Ich stehe am Strassenrand im Industriequartier von Bulle und warte auf meine vierte und letzte Ablösung. Dave braust zum x-ten Mal in einer grösseren Gruppe vorbei, was sich knapp alle zwei Minuten wiederholt. Er scheint sich wohl zu fühlen im Windschatten, denn er zuckt mit den Schultern und deutet mit seiner rechten Hand in die Fahrtrichtung. Der Fahrer der Mannschaft Nummer 82, welche das Rennen anführt, dreht in der gleichen Gruppe seine Runden. Unsere Equipe ist mit weniger als zehn Runden Rückstand an zweiter Stelle. Noch mehr Runden trennen uns von den Drittplatzierten.

Die Sonne brennt. Andere Fahrer kommen bei dieser Hitze erst voll auf Touren - ich kann sie nicht ausstehen. Wie erfrischend kühl ist es doch da in der Nacht gewesen, als ich zwischen drei und vier Uhr im Licht der Strassen- und Velolampen meine Runden gedreht habe. Auch zu jener nächtlichen Stunde hat Aldo, wie fast während dem ganzen Rennen, in der Wechselzone bei Start und Ziel ausgeharrt. Aber das hat er sich selbst eingebrockt, schliesslich war er der Urheber unserer Teilnahme, hat er sich doch mächtig ins Zeug gelegt, um genügend Leute für eine Club-Mannschaft zusammenzubekommen, was gar nicht so einfach war.

Kühles Wasser könnte ich jetzt brauchen, zum Beispiel jenes Wasser, das unseren Lagerplatz im Park neben der Strecke gestern in den ersten Rennstunden überschwemmte. Es stammte vom angrenzenden Werkhof der Elektrizitätsgesellschaft, genauer aus einem Schlauch, der dem Zeltlager als Zuleitung diente und dessen Verbindungsstück sich gelöst hatte. Dank cleverem Neuverlegen der Leitung mussten sich beim nächsten gleichen Vorfall unsere Nachbarn dem Problem annehmen.

Durch ein diskretes Handzeichen deutet Dave an, dass er noch zwei Runden fahren wird. Ich begebe mich in die Wechselzone, stelle mich gleich neben der Eingangsöffnung auf und halte mich am Absperrgitter fest. Der Speaker versteht es bestens, das Publikum anzuheizen. Als die Gruppe mit unserem Fahrer erneut vorbeifährt johlt er in immer höherer Tonlage ins Mikrophon, und die Menge schreit begeistert mit. Auch wenn einmal keine Fahrer zu sehen sind, brodelt die Stimmung immer weiter über den Siedepunkt hinaus. Und sobald sich eine Abkühlung abzeichnet, schallt es aus den Lautsprechern in Anspielung an das bevorstehende WM-Finalspiel: «C'est la France ou le Brésil?» Das mehrheitlich französischsprachige Publikum ist offensichtlich für Frankreich und tut dies auch lauthals kund.

Kurz vor halb drei. Einige Fahrer schwenken in die Wechselzone ein, darunter auch unser Mann. Die Nummer 82 rauscht unter dem Zielband durch und sucht das Weite. Ehe ich mich's versehe hat Aldo mir das ärmellose Tricot mit aufgedruckter Startnummer übergestreift, welches bei der Übergabe weitergegeben wird. Welcher Trottel hat sich denn da direkt vor mir aufgestellt? Keine Zeit zum Diskutieren - ich schlage einen Bogen um das Hindernis, erhalte noch etwas Schub vom Betreuer und schleuse mich in das Renngeschehen ein. Weit vorne verschwindet gerade unser Hauptkonkurrent um die nächste Rechtskurve. Ich steige aus dem Sattel und gebe vollen Druck auf die Pedale. Absperrgitter und einige Fahrer fliegen an mir vorbei.

Auf der Gegengeraden scheint mein Rückstand etwas kleiner geworden zu sein, aber bei der ersten Zieldurchfahrt ist die Nummer 82 von der Strecke verschwunden. Dafür scheint in der Wechselzone Hochbetrieb zu herrschen. Ich versuche mein Tempo hochzuhalten, aber keine zwei Kurven weiter klebt die eingewechselte Nummer 82 an meinem Hinterrad. Damit nicht genug; der Typ mit Schnurrbart greift sogleich an, und ich hänge mich in seinen Windschatten. Nach einigen schnellen Runden und verschiedenen Ausreissversuchen haben wir mehrere überholte Konkurrenten in unser Feld gesogen. Das Tempo wird gleichmässiger, und wir verteilen die Führungsarbeit auf mehr Leute.

Viertel vor drei. Ein weiteres Mal passiert unser Feld die Zielkurve. Auf den nun folgenden Metern wurde Manfred bei seinem letzten Einsatz vom Schwenker seines Vordermannes überrascht und ging zu Boden - mit den üblichen Prellungen und Schürfungen, mit welchen er noch eine Runde absolvierte, bis der Ersatzfahrer bereit war. Rechts von der Strecke taucht nun Hans auf, der etwas abseits der tosenden Zuschauer auf der Rolle seinen Kreislauf auf Touren bringt. Vor nicht ganz 24 Stunden stieg er kurz nach dem Sieg der regionalbernischen Schülermannschaft als erster für uns ins Hauptrennen und dezimierte unsere Gegnerschaft gleich auf eine Handvoll Mannschaften. Und spätestens als wir uns nach den Einsätzen von Christian W. und Christian M. auf dem zweiten Zwischenrang etabliert hatten, wurde klar, dass dies für uns ein Plauschrennen der schnelleren Kategorie werden würde.

Die meisten unserer Fahrer und unsere Fahrerin stehen jetzt an der Strecke und fiebern dem Ende des Rennes entgegen. Lore aber ist nicht zu sehen. Wahrscheinlich ist sie noch in unserem Zeltlager und räumt gerade in der improvisierten Küche auf. Seit dem frühen Samstag Abend sorgte sie fast ununterbrochen für den Nachschub an Kohlenhydraten. Zuerst gab es mehrere Ladungen Teigwaren, im Laufe des Morgens wurde praktisch fliessend auf Brot und Maisflocken umgestellt und gegen Mittag folgte noch Reis aus der Notreserve.

Drei Uhr. Ich zeige meine letzten beiden Runden an, damit wir Hans, wie vorgesehen, um fünf nach drei nochmals ins Rennen schicken können. Bald schon fahre ich ein letztes Mal über den roten Teppich an einer künstlich verengten Stelle auf der Gegengerade und lasse die penetranten Piepstöne der Rundenzählung über mich ergehen. Das dazu nötige Kunststoffgehäuse mit Chip wird vorne rechts unter den Schnellspanner geklemmt. Jede Mannschaft hat zwei solche Geräte, so dass diese ohne Hektik montiert werden können. Kurz nach dem Piepskonzert stehe ich im Wechselraum, und man reisst mir die Startnummer vom Leib. Als ich mich aufrichte, ist Hans schon lange weg. Schon in der übernächsten Runde hat er meine Gruppe aufgeholt, und kurze Zeit später fährt er bereits solo.

Um halb vier zählt die ganze Zuschauerschar zusammen mit dem Speaker rückwärts. Bei Null ertönt ein lauter Knall. Die Fahrer werden mit einem Auto auf der Strecke abgebremst - zu Entwöhnung sozusagen - und fahren kurze Zeit später im Schneckentempo über die Ziellinie, wo sich alle anderen Fahrerinnen und Fahrer, die sich noch knapp auf dem Velo halten können, für eine Ehrenrunde anschliessen. Astrid, Lukas, Stefan und - leider, wie sich später herausstellen wird - auch ich haben noch immer nicht genug und beschliessen, aus eigener Kraft nach Bern zu fahren, wo uns Manuela zum Znacht erwartet.

In den letzten Runden ist das Publikum kaum zu bremsen gewesen. An der Rangverkündigung um halb fünf Uhr in einer zweckentfremdeten Disco geht es dann ähnlich turbulent zu wie am Rennen. Jedes der 45 klassierten Teams wird unabhängig von seinem Rang mit kräftigen Begeisterungsrufen eingedeckt. Wir erhalten für unseren zweiten Schlussrang jede Menge Käse und Wein und müssen fürs Goldene Buch posieren.

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